E. T. A. Hoffmann - Das Fräulein von Scuderi

Das Fräulein von Scuderi

„Ein Liebender, der Diebe fürchtet, ist der Liebe nicht wert.“

Eine rätselhafte Mordserie im Paris des 17. Jahrhunderts, eine berühmte Schrifstellerin, welche die Morde aufzuklären versucht: Das ist der Stoff für die erste deutsche Kriminalgeschichte überhaupt, „Das Fräulein von Scuderi“.

E. T. A. Hoffmanns Novelle zieht die Leserinnen und Leser bis heute durch meisterhaft eingesetzte Sprache, brilliante Dialoge und spannende Handlung in ihren Bann.

E. T. A. Hoffmann.
Das Fräulein von Scuderi.
Eine Erzählung aus dem Zeitalter Ludwigs XIV.

Zusammenfassung / Inhaltsangabe

„Das Fräulein von Scuderi“ ist eine Erzählung von E. T. A. Hoffmann, die 1819 erstmals veröffentlicht wurde. Sie gilt als eine der ersten deutschen Kriminalgeschichten.

Die Handlung ist im Paris des 17. Jahrhunderts angesiedelt und dreht sich um Madeleine de Scuderi, eine angesehene Dichterin am Hofe Ludwigs XIV. Das Fräulein von Scuderi wird in eine Reihe mysteriöser Morde verwickelt, die Paris in Angst und Schrecken versetzen. Die Opfer sind allesamt wohlhabende Männer, die mit kostbarem Schmuck von dem talentierten Goldschmied René Cardillac ausgestattet waren.

Als Olivier Brusson, ein junger Goldschmied und ehemaliger Lehrling Cardillacs, unter Verdacht gerät, wendet er sich an das Fräulein von Scuderi, um seine Unschuld zu beweisen. Durch ihre Nachforschungen entdeckt sie Cardillacs zwiespältige Natur und seine Obsession, geschaffene Schmuckstücke nicht hergeben zu können, was ihn zum Mörder seiner Kunden machte.

Schließlich gelingt es dem Fräulein von Scuderi, Oliviers Unschuld zu beweisen und gleichzeitig das Motiv hinter den Morden aufzudecken, was die Gerechtigkeit wiederherstellt und ihr den Dank des Königs einbringt.

Analyse und Interpretation

„Das Fräulein von Scuderi“ wird oft als Vorläufer des Detektivromans betrachtet und zeichnet sich durch eine komplexe Erzählstruktur aus, die moralische Fragen über Gerechtigkeit, Schuld und Unschuld sowie die Rolle der Kunst in der Gesellschaft aufwirft.

Die Figur des Fräuleins von Scuderi, die sich durch Mitgefühl, Intelligenz und eine unerwartete detektivische Fähigkeit auszeichnet, bricht mit den traditionellen Geschlechterrollen ihrer Zeit und verkörpert die Ideale der Aufklärung – Vernunft, Gerechtigkeit und Humanität.

Cardillacs Obsession mit seinen Kunstwerken und seine Unfähigkeit, sich von ihnen zu trennen, wird als tragischer Flaw interpretiert, der Hoffmanns ambivalente Sicht auf die Kunst und ihre Macht über den Künstler reflektiert.

Die Erzählung thematisiert auch das Spannungsfeld zwischen Recht und Gerechtigkeit und kritisiert die Willkür der Justiz im absolutistischen Frankreich, was in der Figur des unbestechlichen und gerechten Königs Ludwig XIV. eine Auflösung findet.

Sprache und Stil

Hoffmanns Sprache in „Das Fräulein von Scuderi“ ist geprägt von einer dichten atmosphärischen Beschreibung, die das Paris des 17. Jahrhunderts lebendig werden lässt und eine spannende, düstere Stimmung erzeugt.

Die Erzählung zeichnet sich durch einen eleganten und präzisen Stil aus, der die höfische Welt und ihre Intrigen detailreich abbildet und gleichzeitig den psychologischen Tiefgang der Charaktere herausarbeitet.

Die Verwendung von Ironie und subtilem Humor schärft die sozialkritischen Aspekte der Geschichte, während die dramatische Spannung durch geschickte Wendungen und die langsame Enthüllung der Wahrheit aufrechterhalten wird.

Insgesamt ist „Das Fräulein von Scuderi“ ein herausragendes Beispiel für Hoffmanns Fähigkeit, tiefgründige psychologische Einsichten, gesellschaftliche Kritik und packende Erzählkunst zu vereinen.

Wichtige Figuren

Madeleine de Scuderi ist die Protagonistin der Geschichte, eine geachtete Dichterin, deren scharfsinnige Beobachtungsgabe und Mitgefühl sie zur Aufklärerin in einer Reihe von Mordfällen werden lassen.

René Cardillac ist ein genialer, aber psychologisch zerrütteter Goldschmied, dessen künstlerische Besessenheit ihn zum Mörder macht.

Olivier Brusson, Cardillacs ehemaliger Lehrling und Liebender von Cardillacs Tochter, steht im Zentrum der falschen Anschuldigungen und symbolisiert die Unschuld, die in den Wirren der Justiz fast zerrieben wird.

Ludwig XIV., der König von Frankreich, spielt eine entscheidende Rolle als Garant der Gerechtigkeit, der das wahre Verbrechen erkennt und die Ordnung wiederherstellt.

Rezeption und Kritik

„Das Fräulein von Scuderi“ wurde seit seiner Veröffentlichung sowohl von Kritikern als auch von Lesern hoch geschätzt und gilt als eines der frühesten Beispiele für die deutsche Kriminalliteratur.

Die Erzählung wird für ihre innovative Verbindung von Krimielementen mit psychologischer Tiefe und sozialkritischer Reflexion gelobt.

Einige Kritiker haben jedoch angemerkt, dass die Figur des Fräuleins von Scuderi als Detektivin für die damalige Zeit ungewöhnlich sei und die Glaubwürdigkeit der Handlung in Frage stellen könnte.

Trotz solcher Einwände bleibt die Erzählung ein bedeutendes Werk in Hoffmanns Oeuvre und ein faszinierender Einblick in die frühe Kriminalliteratur.

Häufige Fragen und Antworten

Warum gilt „Das Fräulein von Scuderi“ als einer der ersten Kriminalromane?

Die Erzählung gilt als einer der ersten Kriminalromane, weil sie viele Elemente des Genres einführt, darunter einen mysteriösen Fall, eine ermittelnde Figur und die schrittweise Aufdeckung der Wahrheit.

Was symbolisiert Cardillacs Obsession mit seinem Schmuck?

Cardillacs Obsession symbolisiert die dunkle Seite der künstlerischen Schöpfung – die Idee, dass wahre Kunst eine destruktive Kraft sein kann, die sowohl den Künstler als auch die Gesellschaft verzehrt.

Wie reflektiert „Das Fräulein von Scuderi“ die Gesellschaft des 17. Jahrhunderts?

Die Erzählung spiegelt die Spannungen zwischen Kunst, Moral und Gerechtigkeit in der Gesellschaft des 17. Jahrhunderts wider und kritisiert die Oberflächlichkeit und Korruption innerhalb der Justiz und der höfischen Kreise.

Was macht „Das Fräulein von Scuderi“ heute noch lesenswert?

„Das Fräulein von Scuderi“ bleibt wegen seiner zeitlosen Themen, wie der Suche nach Gerechtigkeit, der Natur der Kunst und der psychologischen Tiefe der Charaktere, sowie seiner Rolle in der Entwicklung des Kriminalgenres lesenswert.

Buchausgabe

E. T. A. Hoffmann.
Das Fräulein von Scuderi.
Eine Erzählung aus dem Zeitalter Ludwigs XIV.
Erstdruck in: Stefan Schütz (Hrsg.): Taschenbuch für das Jahr 1820, Der Liebe und Freundschaft gewidmet, Frankfurt/Main 1819, S. 1-122.
Durchgesehener Neusatz, Textgrundlage ist die Ausgabe: Das Diogenes Lesebuch klassischer deutscher Erzähler, Zürich 1980.
Neuausgabe, LIWI Verlag, Göttingen 2020.
LIWI Literatur- und Wissenschaftsverlag

Verfasst von Thomas Löding, LIWI Blog, zuletzt aktualisiert am 24. März 2024

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