
Das Meer
Bernhard Kellermanns „Das Meer“ ist ein Roman über Freiheit, Liebe, Eifersucht und das Leben in einer abgeschiedenen bretonischen Inselwelt, die vollständig von Wind und Meer beherrscht wird. Ein namenloser Ich-Erzähler hat sich auf einer kargen Insel vor der französischen Atlantikküste niedergelassen. In der abgelegenen „Sturmvilla“ lebt er mit seinem Hund Poupoul zwischen Fischern, Seeleuten und Leuchtturmwärtern.
Er fährt mit den Männern hinaus zum Fischfang, beobachtet die vorbeiziehenden Schiffe und beginnt immer stärker in der rauen Lebenswelt der Insel aufzugehen.
„Tag und Nacht aber donnerte es, horch! Das war das Meer.“
Kapitel I, S. 3 der LIWI-Ausgabe.
Im Mittelpunkt seiner Beziehungen stehen der Seemann Yann und die sechzehnjährige Rosseherre. Yann liebt Rosseherre und möchte sie heiraten; zugleich entwickelt sich zwischen ihr und dem Erzähler eine immer stärkere Anziehung. Aus der Freundschaft der beiden Männer entsteht allmählich eine Rivalität.
Doch der Roman ist mehr als eine Liebes- und Eifersuchtsgeschichte. Immer wieder tritt die menschliche Handlung hinter das eigentliche Zentrum des Buches zurück: das Meer. Kellermann schildert es als lebendige, zugleich anziehende und zerstörerische Macht. Es ernährt die Bewohner, bestimmt ihren Alltag, bedroht ihre Leben und ruft im Erzähler eine fast religiöse Sehnsucht nach Freiheit, Gefahr und Ferne hervor.
Als sich der Erzähler später Yvonne, der Tochter eines Leuchtturmwärters, zuwendet, verschärft sich der Konflikt. Rosseherres Eifersucht und Yanns Wut führen schließlich zu Drohungen und Gewalt. Nach dem Tod seines Hundes Poupoul entschließt sich der Erzähler, die Insel zu verlassen. Doch selbst an Bord eines modernen Ozeandampfers erkennt er, wie tief ihn die Insel und das Meer verändert haben.
Bild: Felsküste von Ouessant bei der Pointe du Créac’h – Henry Moret – Pointe du Créac’h, Ouessant
Zusammenfassung von „Das Meer“
Kapitel I
Der namenlose Ich-Erzähler beschreibt die kahle Insel, auf der er lebt. Sie ist von Klippen, Wind, Möwen und dem unablässigen Donnern des Meeres geprägt. Gemeinsam mit seinem Freund Yann, dem „kleinen Kapitän“, bewegt er sich unter Fischern und Inselbewohnern.
An einem Posttag sieht er erstmals Rosseherre. Das sechzehnjährige Mädchen fällt durch sein ungewöhnlich helles Haar unter den dunkelhaarigen Bewohnerinnen der Insel sofort auf. Ihr Blick und ihr Interesse an seinem Ring wecken seine Aufmerksamkeit.
Kapitel II
Auf dem Weg zu seiner abgelegenen „Sturmvilla“ beschreibt der Erzähler das Meer als eine unaufhörlich arbeitende Naturgewalt, die seit Jahrtausenden die Felsen aushöhlt und zerstört.
Die Leuchttürme Stiff und Creach beherrschen nachts die Landschaft. In der einsamen Hütte sitzt der Erzähler mit Poupoul am Feuer und lauscht Wind und Brandung. Rosseherre beschäftigt bereits seine Gedanken.
Kapitel III
Der Erzähler fährt mit den Fischern hinaus und lernt deren gefährlichen Alltag kennen. Zugleich genießt er seine Einsamkeit vor der Sturmvilla.
Stundenlang sitzt er auf einem Stein und betrachtet das Meer. Dabei verwandelt sich seine Naturbeobachtung zunehmend in eine beinahe religiöse Erfahrung.
„Die Stunde kam und das Meer war anders.“
Kapitel III, S. 10 der LIWI-Ausgabe.
Kapitel IV
Kedril lädt den Erzähler zu seiner Hochzeit ein. Dort begegnet er Rosseherre wieder.
Nach der kirchlichen Trauung beginnt ein großes Fest. Rosseherre singt ein bretonisches Hochzeitslied und tanzt mit den Inselbewohnern. Gleichzeitig wird Yann ausführlich vorgestellt: ein erfahrener Seemann, der zahllose Berufe beherrscht, auf vielen Meeren gefahren ist und mit dem Erzähler eng befreundet ist.
Der Erzähler erfährt, dass Yann Rosseherre gut kennt.
Bild: Steilküste von Ouessant mit Brandung – Henry Moret
Kapitel V
Das Hochzeitsfest wird immer ausgelassener. Yann bringt Rosseherre dazu, mit dem Erzähler zu tanzen. Dieser schenkt ihr ein blaues Tuch und zeigt ihr seine Ringe.
Zwischen Rosseherre und dem Erzähler entsteht sichtbar Nähe. Yann reagiert zunehmend eifersüchtig und wirft schließlich ein Glas, das den Erzähler an der Stirn verletzt. Kurz darauf versöhnen sich die beiden Männer wieder, doch Rosseherre hat Yanns Eifersucht bemerkt.
Kapitel VI
Die Hochzeit endet in einer wilden Auseinandersetzung. Betrunken macht sich der Erzähler mit Poupoul auf den Heimweg.
In einem traumartigen Zustand steigt er ins nächtliche Meer. Die Wirklichkeit geht in eine fantastische Unterwasserwelt über. Er begegnet Ertrunkenen und einem alten Wrack und erlebt in seiner Vision sogar eine Hochzeit mit Rosseherre.
Das Kapitel macht besonders deutlich, wie bei Kellermann Realität, Rausch, Erinnerung und die mythische Vorstellungskraft des Erzählers ineinander übergehen.
Kapitel VII
Am nächsten Tag erwacht der Erzähler und kehrt in den Alltag zurück. Mit Kedril fährt er nachts auf das Meer, um einem vorbeifahrenden Dampfer einen Lotsen zuzuführen.
Die stille nächtliche See bildet einen starken Gegensatz zum vorausgegangenen Sturm- und Rauscherlebnis.
Kapitel VIII
Rosseherre kommt erstmals selbst zur Sturmvilla. Sie führt zwei Hammel mit sich und erzählt dem Erzähler von Yann.
Dabei erfährt er, dass Yann Rosseherre heiraten möchte, ihr Großvater Jean Louis jedoch seine Einwilligung noch nicht gegeben hat. Rosseherre selbst zeigt wenig Eile: Sie fürchtet, Yann werde nach der Hochzeit trinken und sie behandeln wie andere Seeleute ihre Frauen.
Kapitel IX
Rosseherre verbringt einen langen Nachmittag vor der Sturmvilla. Während sie strickt, erzählt sie von ihrer Familie, dem Leben der Fischer und bretonischen Liedern.
Der Erzähler versucht, ihr näherzukommen. Rosseherre bleibt zugleich kindlich, neugierig und eigensinnig. Als er sie bittet, ein Lied aufzuschreiben, stellt sich heraus, dass sie nicht schreiben kann.
Kapitel X
Rosseherre besucht die Sturmvilla nun häufiger. Sie erzählt von Lutins, Geistern und alten Sagen der Insel, darunter der Geschichte von Poupon, dem Mörder.
Der Erzähler macht ihr Geschenke und versucht immer deutlicher, Eindruck auf sie zu machen. Dennoch spürt er, dass er keine wirkliche Macht über sie besitzt.
Kapitel XI
Rosseherres Stimmung verändert sich plötzlich. Der Erzähler findet sie bei schlechtem Wetter allein in den Klippen.
Sie wirkt krank, gealtert und innerlich abwesend, singt im Regen und reagiert kaum auf ihn. Zum ersten Mal ahnt der Erzähler, dass hinter ihrer Heiterkeit eine psychisch instabile Seite liegt.
Bild: Landschaft auf Ouessant mit Inselbewohnern – Henry Moret
Kapitel XII
Der Erzähler fährt mit Rosseherres Großvater Jean Louis, dem sogenannten „Meerkönig“, hinaus zum Fischfang.
Jean Louis wird als alter, nahezu vollständig vom Meer geformter Fischer beschrieben. Er hat zahlreiche Menschen gerettet, unzählige Fahrten erlebt und bewegt sich zwischen den Riffen mit beinahe instinktiver Sicherheit.
Kapitel XIII
Der Erzähler besucht Jean Louis in dessen Haus. Die Einrichtung besteht zum Teil aus Gegenständen, die von gestrandeten Schiffen stammen.
Er hilft Jean Louis außerdem beim Kauf von neuem Segeltuch. Das Kapitel vertieft das Bild einer Inselgesellschaft, deren gesamtes wirtschaftliches und materielles Leben vom Meer abhängt.
Kapitel XIV
Rosseherre warnt den Erzähler eindringlich vor seinen gefährlichen Schwimmgängen.
Sie versucht außerdem herauszufinden, warum er überhaupt auf der abgelegenen Insel lebt. Er erklärt ihr, dass er weder Frau noch enge familiäre Bindungen habe und seit Jahren unterwegs sei. Gerade das scheinbare „Nichts“ der Insel zieht ihn an.
Kapitel XV
In seiner Sturmvilla erlebt der Erzähler die Einsamkeit zunehmend als Befreiung. Nachts lauscht er dem Meer, betrachtet die Sterne und denkt an die weit entfernte europäische Welt.
Während eines aufkommenden Windes schwimmt er absichtlich in die aufgewühlte See. Die Begegnung mit dem Meer wird zu einer körperlichen Grenzerfahrung.
Er kommt unversehrt zurück und empfindet für einen Augenblick völlige Wunschlosigkeit und Freiheit.
Kapitel XVI
Rosseherre holt den Erzähler nachts zu ihrem kranken Großvater Jean Louis. Gemeinsam kümmern sie sich um den fiebernden alten Mann.
In der Dunkelheit kommen Rosseherre und der Erzähler einander körperlich näher. Rosseherre küsst ihn leidenschaftlich und besucht ihn anschließend auch in der Sturmvilla.
Damit ist aus der bisherigen spielerischen Annäherung ein ernsthafter Konflikt mit Yann geworden.
Kapitel XVII
Ein gewaltiger Sturm bricht über die Insel herein.
Kellermann schildert Meer, Wind und Felsen wie miteinander kämpfende Urgewalten. Menschen und Schiffe erscheinen gegenüber ihnen beinahe unbedeutend.
Ein kleines Segel gerät draußen in größte Gefahr, während die Inselbewohner hilflos beobachten müssen, was geschieht.
Kapitel XVIII
Nach mehr als einem Tag im Sturm kehren die vermissten Fischer schließlich lebend zurück.
Auch Yann hat sich in dem Unwetter bewährt. Die gefährliche Fahrt zeigt seine außergewöhnliche seemännische Fähigkeit und erklärt, weshalb die Inselbewohner trotz seiner Grobheit großes Vertrauen in ihn setzen.
Kapitel XIX
Der Erzähler verbringt Zeit auf Yanns Dampfer. Die beiden trinken und erzählen einander Geschichten aus ihrem Leben auf See.
Doch der Konflikt um Rosseherre ist nicht verschwunden. Yann erfährt weitere Einzelheiten und reagiert zunehmend gereizt. Die Freunde gehen schließlich im Streit auseinander.
Kapitel XX
Nach dem Sturm erscheint Rosseherre bei der Sturmvilla. Ihre Beziehung zum Erzähler bleibt gespannt und leidenschaftlich.
Kurz darauf wird die Insel von dichtem Nebel eingeschlossen. Der Erzähler hört die Signale eines Dampfers, der offenbar gefährlich nahe an die Klippen geraten ist.
Dann verstummen die Signale. Er erkennt: Ein Schiff ist gescheitert.
Kapitel XXI
Die Inselbewohner versuchen trotz Nebel und schwerer See, den Schiffbrüchigen zu helfen.
Yann fährt mit seinem Dampfer hinaus und bringt schließlich acht Überlebende zurück. Tote werden geborgen und bestattet.
Rosseherre sitzt währenddessen allein in den Klippen und blickt aufs Meer.
Kapitel XXII
Nach dem Schiffbruch sammelt der Erzähler Trümmer des gesunkenen Dampfers und bringt einen Mast zur Sturmvilla.
Die Katastrophe führt ihn zu langen Betrachtungen über das Meer: Es kann innerhalb weniger Stunden Menschen töten und Schiffe zerstören und kurz darauf wieder vollkommen unschuldig erscheinen.
Kapitel XXIII
Der Erzähler empfindet die Erfahrungen des Sturms wie einen inneren Einschnitt. Seine frühere Leidenschaft für Rosseherre scheint zunächst an Bedeutung zu verlieren.
Auch mit Yann versöhnt er sich wieder. Die beiden unternehmen gemeinsame Fahrten und Ausflüge wie früher.
Kapitel XXIV
Bei Noel fällt dem Erzähler Yvonne, die Tochter des Leuchtturmwärters Amorik, auf.
Er begegnet ihr auf der Heide und begleitet sie. Yvonne ist dunkelhaarig, zurückhaltender als Rosseherre und hat bereits einige Zeit auf dem französischen Festland verbracht.
Der Erzähler beginnt, sich für sie zu interessieren.
Kapitel XXV
Der Erzähler schenkt Yvonne Spitze für ihre Haube. Dabei beobachtet Rosseherre die beiden.
Später besucht der Erzähler den Leuchtturm Creach und verbringt Zeit mit Yvonnes Vater Amorik. Nachts sucht er erneut Yvonnes Nähe und schenkt ihr seine silberne Kette.
Kapitel XXVI
Rosseherre stellt den Erzähler zur Rede. Sie bringt ihm seine Ringe zurück und wirft ihm vor, sich nun Yvonne zuzuwenden.
Der Streit eskaliert. Rosseherre beschimpft Yvonne und behauptet, sie habe Beziehungen zu zahlreichen Männern gehabt. Der Erzähler erkennt erstmals das ganze Ausmaß von Rosseherres Eifersucht.
Kapitel XXVII
Yann besucht den Erzähler. Trotz der Spannungen bekräftigen beide ihre Freundschaft.
Der Erzähler fragt Yann nach Rosseherres Behauptungen über Yvonne. Yann erklärt sie ausdrücklich für unwahr. Dadurch wird deutlich, dass Rosseherre aus Eifersucht versucht hat, Yvonne herabzusetzen.
Kapitel XXVIII
Der Erzähler verbringt immer mehr Zeit auf dem Meer. Er fischt und arbeitet zeitweise in der Funkstation.
Zugleich nimmt die Spannung auf der Insel zu. Eines Morgens entdeckt er, dass der Holzstoß vor der Sturmvilla gebrannt hat. Nur ein plötzlich einsetzender Gewitterregen hat verhindert, dass das Haus Feuer fängt.
Wer den Brand gelegt hat, bleibt zunächst offen.
Kapitel XXIX
Der Erzähler setzt seine Annäherung an Yvonne fort. Zugleich ruft eine Meldung über drei russische Kriegsschiffe die Lotsen der Umgebung aufs Meer.
Kellermann verbindet erneut persönliche Handlung und maritime Welt: Während die Liebesbeziehungen komplizierter werden, ziehen Kriegsschiffe, Fischerboote und große Vogelzüge an der Insel vorbei.
Kapitel XXX
Mehrere Fischerfreunde besuchen den Erzähler und fahren mit ihm hinaus.
Yann erscheint ebenfalls. Er trinkt stark und wirkt zunehmend angespannt. Seine Freundschaft mit dem Erzähler besteht weiterhin, doch Rosseherre und die Rivalität zwischen den Männern haben ihn innerlich verändert.
Kapitel XXXI
Auf einer längeren Fahrt geraten die Männer erneut in schwere See.
Der Erzähler erlebt einen körperlichen und psychischen Ausnahmezustand. Meer, Erschöpfung, Alkohol und Angst verbinden sich zu Visionen und Halluzinationen.
Nach drei Tagen erreichen sie wieder die Insel.
Kapitel XXXII
Nach der Rückkehr fordert Yann den Erzähler auf, die Insel zu verlassen.
Als dieser sich weigert, spricht Yann eine offene Drohung aus:
„Du bist ein toter Mann!“
Kapitel XXXII, S. 131 der LIWI-Ausgabe.
Die bisher immer wieder versöhnte Rivalität ist endgültig gefährlich geworden.
Kapitel XXXIII
Der Erzähler sucht trotzdem erneut Yvonne auf.
Auf dem Rückweg begegnet er bei Poupons Schlucht Yann, der offenbar auf ihn gewartet hat. Poupoul verrät durch sein Bellen Yanns Versteck.
Der Erzähler provoziert Yann und erklärt, er werde nun jeden Abend an dieser Stelle vorbeikommen. Am nächsten Morgen findet er vor seiner Tür einen Zettel mit der Warnung:
„Hüte dich!“
Kapitel XXXIII, S. 134 der LIWI-Ausgabe.
Kapitel XXXIV
Der Erzähler beschließt zunächst, auf der Insel zu bleiben und sogar ein eigenes Fischerboot zu kaufen.
Dann verschwindet Poupoul. Der Hund kommt schwer verletzt zurück und stirbt wenig später. Erst danach entdeckt der Erzähler eine dünne Schnur um seinen Hals:
„Man hatte Poupoul ermordet!“
Kapitel XXXIV, S. 137 der LIWI-Ausgabe.
Er hält Yann für den Täter. Voller Wut sucht er ihn auf der ganzen Insel, findet ihn jedoch nicht.
Schließlich trägt er Poupoul zu den Klippen und übergibt den Hund dem Meer.
Kapitel XXXV
Der Tod Poupouls verändert die Insel für den Erzähler. Die Sturmvilla ist leer, die Landschaft erscheint ihm plötzlich trostlos.
Gleichzeitig erwacht erneut seine alte Sehnsucht nach der Ferne:
„Laß uns zu neuen Dingen gehen!“
Er sagt den geplanten Kauf seines Fischerbootes ab und beschließt, die Insel zu verlassen. Dennoch wartet er mehrere Nächte bei Poupons Schlucht auf Yann, weil dieser nicht glauben soll, er fliehe aus Angst.
Yann erscheint nicht.
Kapitel XXXVI
Am Tag der Abreise verabschiedet sich der Erzähler von den Fischern.
Überraschend kommt Yann an Bord. Nun klärt sich auch Poupouls Tod auf:
„Du denkst vielleicht, ich hätte Poupoul umgebracht? Nein, ich war es nicht. Rosseherre tat es.“
Kapitel XXXVI, S. 142 der LIWI-Ausgabe.
Rosseherre hatte erfahren, dass Poupoul Yann bei seinem nächtlichen Auflauern durch sein Bellen verraten hatte. Daraufhin tötete sie den Hund.
Auch Yann hatte den Erzähler letztlich nicht angegriffen. Die beiden Männer versöhnen sich ein letztes Mal und tauschen Erinnerungsstücke aus.
Beim Verlassen der Insel begegnet der Erzähler noch einmal Rosseherre. Sie steuert allein ein Boot durch die schwere See und sieht nicht zu ihm auf. Wenig später fällt ihm ein, dass er Yvonne während der vergangenen Ereignisse beinahe vollständig vergessen hat.
Von Cherbourg aus reist er schließlich auf einem riesigen modernen Ozeandampfer weiter. Der Gegensatz könnte kaum größer sein: Auf der Insel war das Meer eine unmittelbare Lebens- und Todesmacht; auf dem modernen Schiff erscheint es weit entfernt und beherrscht.
Doch gerade hier erkennt der Erzähler, was er verloren hat:
„Die Wogen, der Wind, das ganze große Meer – ich gehörte nicht mehr dazu –“
Kapitel XXXVI, S. 145 der LIWI-Ausgabe.
Der Roman endet dennoch nicht mit endgültiger Abkehr. Als der Erzähler nachts Wind und Meer hört, kehrt die Sehnsucht zurück.
Bild: Bretonisches Haus an der Bucht von Lampaul auf Ouessant – Henry Moret
Zitate aus „Das Meer“
„Tag und Nacht aber donnerte es, horch! Das war das Meer.“
Kapitel I, S. 3 der LIWI-Ausgabe.
„Die Stunde kam und das Meer war anders.“
Kapitel III, S. 10 der LIWI-Ausgabe.
„Die alten Götter waren da droben unterwegs.“
Kapitel III, S. 10 der LIWI-Ausgabe.
„Das Meer lockte mich. Ich sah es an und es winkte mir mit seinen tausend Händen.“
Kapitel XXVIII, S. 111 der LIWI-Ausgabe.
„Du bist ein toter Mann!“
Kapitel XXXII, S. 131 der LIWI-Ausgabe.
„Man hatte Poupoul ermordet!“
Kapitel XXXIV, S. 137 der LIWI-Ausgabe.
„Das war die Sehnsucht nach da draußen!“
Kapitel XXXV, S. 140 der LIWI-Ausgabe.
„Die Wogen, der Wind, das ganze große Meer – ich gehörte nicht mehr dazu –“
Kapitel XXXVI, S. 145 der LIWI-Ausgabe.
Textgrundlage: Bernhard Kellermann: Das Meer. Durchgesehener Neusatz nach S. Fischer Verlag, Berlin 1917. Erstdruck: S. Fischer Verlag, Berlin 1910. LIWI Literatur- und Wissenschaftsverlag, Göttingen 2024.
Figurenkonstellation
Im Zentrum des Romans steht ein namenloser Ich-Erzähler, ein weitgereister Fremder, der sich für einige Zeit auf einer bretonischen Insel niedergelassen hat. Er lebt zurückgezogen in der sogenannten „Sturmvilla“ und sucht bewusst die Nähe zum Meer, zu den Fischern und zu einem Leben außerhalb der europäischen Zivilisation.
Rosseherre ist ein sechzehnjähriges Mädchen von der Insel. Durch ihr ungewöhnlich helles Haar hebt sie sich äußerlich von den anderen Inselbewohnerinnen ab. Zwischen ihr und dem Erzähler entwickelt sich eine zunehmend leidenschaftliche Beziehung. Zugleich ist sie eng mit Yann verbunden, der sie heiraten möchte. Ihre Eifersucht auf Yvonne wird im weiteren Verlauf zu einer wichtigen Triebkraft der Handlung.
Yann, der „kleine Kapitän“, ist einer der engsten Freunde des Erzählers. Er ist ein erfahrener Seemann und führt einen kleinen Regierungsdampfer. Yann liebt Rosseherre und möchte sie heiraten. Die Annäherung zwischen Rosseherre und dem Erzähler verwandelt die Freundschaft der beiden Männer allmählich in Rivalität. Trotz heftiger Konflikte und schließlich sogar einer Todesdrohung bleibt ihre gegenseitige Verbundenheit bestehen.
Yvonne ist die Tochter des Leuchtturmwärters Amorik. Sie wird in der zweiten Hälfte des Romans zu einer weiteren wichtigen Bezugsperson des Erzählers. Seine Annäherung an Yvonne löst Rosseherres heftige Eifersucht aus.
Jean Louis, der Großvater Rosseherres, wird auf der Insel als „Meerkönig“ bezeichnet. Er ist ein alter, erfahrener Fischer, dessen gesamtes Leben vom Meer geprägt wurde. Der Erzähler begleitet ihn beim Fischfang und bewundert seine beinahe instinktive Sicherheit auf dem Wasser.
Poupoul ist der Hund und ständige Begleiter des Erzählers. Der ehemalige Schiffshund begleitet ihn bei seinen Streifzügen über die Insel und wird für ihn zu einem engen Gefährten. Sein gewaltsamer Tod bildet einen entscheidenden Wendepunkt des Romans.
Weitere Figuren sind Noel, der wohlhabende Kaufmann und „Inselkönig“, Kedril, ein Fischer und Lotse, Amorik, der Leuchtturmwärter und Vater Yvonnes, sowie das Wirtsleute-Paar Madame und Monsieur Chikel.
Die zentrale Figurenkonstellation lässt sich zunächst als Dreieck beschreiben:
Rosseherre ↔ Erzähler ↔ Yann
Später erweitert sich das Beziehungsgeflecht:
Rosseherre ↔ Erzähler ↔ Yvonne
Dabei bildet das Meer den dauernden Hintergrund aller Beziehungen. Freundschaft, Liebe, Eifersucht und Gewalt entwickeln sich nicht unabhängig von der Inselwelt, sondern unter dem unmittelbaren Einfluss eines Lebens, das von Gefahr, Isolation und Naturgewalten geprägt ist.
Entstehung und Veröffentlichung
Bernhard Kellermanns „Das Meer“ erschien erstmals 1910 im S. Fischer Verlag in Berlin.
Dem Roman gingen eigene Erfahrungen Kellermanns in der Bretagne voraus. Nach Angaben der Neuen Deutschen Biographie führte ihn eine Reise dorthin in unmittelbare Berührung mit dem mühsamen Leben der Fischer. Diese Erfahrung bedeutete zugleich eine Veränderung seines literarischen Schreibens. Während Kellermanns frühere Romane noch stark von impressionistischen Stimmungen und symbolischen Landschaften geprägt waren, erhielt die Natur in Das Meer eine konkretere und realistischere Funktion.
Die Neue Deutsche Biographie hebt hervor, dass Kellermann mit Das Meer erstmals eine stärkere soziale Thematik in sein Werk einführte. Die Natur erscheint nun nicht mehr ausschließlich als Symbol- und Stimmungswelt, sondern zugleich in ihrer realen Rolle als „Partner oder Gegner“ der Fischer.
Die im Roman namenlos bleibende Insel ist Ouessant vor der bretonischen Atlantikküste. Kellermann hielt sich dort 1907 vier Monate auf. Der französische Historiker Yvon Le Gallo hat diesen Aufenthalt und seine Bedeutung für die Entstehung des Romans ausführlich untersucht. Kellermanns Erfahrungen auf Ouessant bildeten eine wesentliche Grundlage für Das Meer.
Im Roman selbst wird der Name Ouessant nicht ausdrücklich genannt. Zahlreiche geographische Einzelheiten machen den realen Schauplatz jedoch erkennbar. Besonders deutlich ist dies an den Leuchttürmen Stiff und Creach, die im Roman wiederholt genannt werden und zu den charakteristischen Leuchttürmen Ouessants gehören.
Bereits seit den 1960er Jahren wurde der Zusammenhang zwischen Kellermanns Aufenthalt auf Ouessant und Das Meer auch in der französischen Forschung untersucht. Noël Spéranze veröffentlichte 1961 den Aufsatz „Bernhard Kellermann et Ouessant“ und 1966 die Untersuchung „Bernhard Kellermann et la légende ouessantine“. 1999 widmete Yvon Le Gallo dem Thema eine ausführliche Studie unter dem Titel „Un Allemand à Ouessant ou la mystique de la mer chez Bernhard Kellermann“.
Die LIWI-Ausgabe folgt einer Ausgabe des S. Fischer Verlags von 1917. Diese Ausgabe bezeichnet sich als 26.–40. Auflage. Für die LIWI-Neuausgabe wurde der Text neu gesetzt und durchgesehen.
Quellen und Literatur
- Gertraude Wilhelm: „Kellermann, Bernhard“. Neue Deutsche Biographie, Band 11, 1977, S. 470–471 – zur Bretagne-Reise Kellermanns, zur Entstehung von Das Meer und zur stärkeren sozialen und realistischen Ausrichtung seines Schreibens.
- Yvon Le Gallo: „Un Allemand à Ouessant ou la mystique de la mer chez Bernhard Kellermann“. In: Bulletin de la Société archéologique du Finistère, Band CXXVIII, 1999, S. 417–432 – zu Kellermanns viermonatigem Aufenthalt auf Ouessant und dessen Bedeutung für Das Meer.
- Noël Spéranze: „Bernhard Kellermann et Ouessant“. In: Les Cahiers de l’Iroise, April–Juni 1961.
- Noël Spéranze: „Bernhard Kellermann et la légende ouessantine“. In: Les Cahiers de l’Iroise, April–Juni 1966.
- Project Gutenberg: Bernhard Kellermann, Das Meer, S. Fischer Verlag, Berlin 1917 – digitalisierte Ausgabe der 26.–40. Auflage und Nachweis der Textfassung von 1917.
Themen und Gestaltung
Das Meer nimmt im Roman eine Doppelrolle ein. Es ist einerseits konkrete Lebens- und Arbeitswelt der Inselbewohner, andererseits Gegenstand einer stark subjektiven und teilweise mythischen Wahrnehmung des Ich-Erzählers. Fischer, Lotsen und Seeleute sind wirtschaftlich vom Meer abhängig und zugleich ständig seinen Gefahren ausgesetzt.
Gertraude Wilhelm sieht in Das Meer einen wichtigen Punkt innerhalb von Kellermanns literarischer Entwicklung. Während seine früheren Romane noch wesentlich von impressionistischen Stimmungen und symbolischen Landschaften geprägt waren, führte die Begegnung mit dem Fischerleben in der Bretagne zu einer stärkeren sozialen und realistischen Ausrichtung. Die Natur erscheint nicht mehr allein als Stimmungsraum, sondern zugleich als reale Lebensbedingung und als „Partner oder Gegner“ der Menschen.
Gleichzeitig bewahrt der Roman seine stark impressionistische und subjektive Wahrnehmung der Landschaft. Der namenlose Erzähler erlebt das Meer nicht nur als Naturerscheinung. In Visionen, Rauschzuständen und Grenzerfahrungen wird es zu einer nahezu eigenständigen Macht. Realität, Erinnerung und fantastische Wahrnehmung gehen dabei mehrfach ineinander über.
Auch die neuere Literaturwissenschaft hat sich ausführlicher mit dieser Gestaltung des Meeres beschäftigt. Christian von Zimmermann widmet Kellermanns Roman in seiner Studie Ästhetische Meerfahrt. Erkundungen zur Beziehung von Literatur und Natur in der Neuzeit ein eigenes Kapitel. Unter der Überschrift „Vom Lärmen des tiefen Untiers (Kellermann)“ untersucht er Das Meer auf den Seiten 215–225 im Zusammenhang mit dem Verhältnis von Mensch, Natur und Meer sowie mit den sozialen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Fischer.
Yvon Le Gallo betont wiederum den engen Zusammenhang zwischen Kellermanns Aufenthalt auf Ouessant und der Gestaltung des Romans. Die konkrete Erfahrung der Inselwelt verbindet sich in Das Meer mit einer stark subjektiven, teilweise hymnischen Darstellung der elementaren Macht des Meeres.
Literatur
- Christian von Zimmermann: Ästhetische Meerfahrt. Erkundungen zur Beziehung von Literatur und Natur in der Neuzeit. Georg Olms Verlag, Hildesheim, Zürich und New York 2015, insbesondere S. 215–225: „Vom Lärmen des tiefen Untiers (Kellermann)“. ISBN 978-3-487-15372-8.
- Yvon Le Gallo: „Un Allemand à Ouessant ou la mystique de la mer chez Bernhard Kellermann“. In: Bulletin de la Société archéologique du Finistère, Band CXXVIII, 1999, S. 417–432.
- Gertraude Wilhelm: „Kellermann, Bernhard“. In: Neue Deutsche Biographie, Band 11, Duncker & Humblot, Berlin 1977, S. 470–471.
- Noël Spéranze: „Bernhard Kellermann et Ouessant“. In: Les Cahiers de l’Iroise, April–Juni 1961.
- Noël Spéranze: „Bernhard Kellermann et la légende ouessantine“. In: Les Cahiers de l’Iroise, April–Juni 1966.
Rezeption und Erfolg
Das Meer gehörte zu den erfolgreichen Romanen Bernhard Kellermanns aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und blieb auch in den folgenden Jahrzehnten im Buchhandel präsent.
Bereits die Ausgabe des S. Fischer Verlags von 1917, die der LIWI-Neuausgabe als Textgrundlage dient, wurde als 26.–40. Auflage veröffentlicht.
Eine Anzeige des S. Fischer Verlags im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel vom 3. November 1928 führt Das Meer bereits als 92. Auflage. Der Roman war zu diesem Zeitpunkt in mehreren Ausstattungen erhältlich. Noch fast zwei Jahrzehnte nach seiner Erstveröffentlichung wurde das Werk damit weiterhin in hohen Auflagen angeboten.
Literaturhistorisch markiert Das Meer zugleich einen wichtigen Punkt in Kellermanns Entwicklung. Gertraude Wilhelm zufolge führte Kellermann unter dem Eindruck seiner Bretagne-Reise in diesem Roman erstmals eine ausgeprägtere soziale Thematik ein. Gegenüber seinen früheren Werken erhält die konkrete Lebenswelt der Fischer und ihre Abhängigkeit von der Natur ein deutlich größeres Gewicht.
Der Roman fand auch außerhalb Deutschlands Beachtung. Eine französische Übersetzung von Georges Sautreau erschien 1924 bei Flammarion in Paris. Der Zusammenhang zwischen dem Roman und Kellermanns Aufenthalt auf Ouessant wurde später wiederholt Gegenstand französischer und bretonischer Forschung, unter anderem bei Noël Spéranze und Yvon Le Gallo.
Auch in der neueren deutschen Literaturwissenschaft wird Das Meer als eigenständiger Untersuchungsgegenstand behandelt. Christian von Zimmermann widmet dem Roman in seiner 2015 erschienenen Studie Ästhetische Meerfahrt ein eigenes, elf Seiten umfassendes Kapitel unter dem Titel „Vom Lärmen des tiefen Untiers (Kellermann)“.
Der Roman wurde außerdem 1927 verfilmt. Der deutsche Stummfilm „Das Meer“ entstand unter der Regie von Peter Paul Felner. Zu den Hauptdarstellern gehörten Olga Tschechowa als Rosseherre, Heinrich George als Yann, Anton Pointner als der Fremde und Simone Vaudry als Yvonne. Bernhard Kellermann war ebenfalls am Drehbuch beteiligt. Die Außenaufnahmen entstanden in der Bretagne.
Quellen und Literatur
- Gertraude Wilhelm: „Kellermann, Bernhard“. Neue Deutsche Biographie, Band 11, 1977, S. 470–471 – zur literaturhistorischen Stellung von Das Meer.
- Christian von Zimmermann: Ästhetische Meerfahrt. Erkundungen zur Beziehung von Literatur und Natur in der Neuzeit. Georg Olms Verlag, Hildesheim, Zürich und New York 2015, S. 215–225.
- Yvon Le Gallo: „Un Allemand à Ouessant ou la mystique de la mer chez Bernhard Kellermann“. In: Bulletin de la Société archéologique du Finistère, Band CXXVIII, 1999, S. 417–432.
- Project Gutenberg: Das Meer, S. Fischer Verlag 1917 – Nachweis der 26.–40. Auflage.
- Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, 3. November 1928 – Verlagsanzeige des S. Fischer Verlags mit Das Meer als 92. Auflage.
- filmportal.de: Peter Paul Felner – Filmographie mit Das Meer (1926/1927), Regie und Drehbuch.
Ausgabe
Bernhard Kellermann: Das Meer.
Erstdruck: S. Fischer Verlag, Berlin 1910.
Der Text dieser Ausgabe folgt S. Fischer Verlag, Berlin 1917, 26.–40. Auflage.
Durchgesehener Neusatz.
Vollständige Neuausgabe, Göttingen 2024.
Verlag: LIWI Literatur- und Wissenschaftsverlag Erschienen: 2024 Umfang: 148 Seiten ISBN Paperback: 978-3-96542-730-3
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Verfasst von Thomas Löding, LIWI Blog, zuletzt aktualisiert am 01. Juli 2024
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