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Die schönsten Bücher für den Sommer

Es gibt Autoren, die schaffen es allein durch ihre Worte, dass wir die Zikaden zirpen und das Meer rauschen hören. Wir spüren beim Lesen die warme Sommersonne im Gesicht und die Schwere der Augusttage. Sommerromane machen Lust auf Sommerfrische an der Ostsee oder auf Spaziergänge durch Lavendelfelder. Die Handlung kann dabei mal leicht und ironisch, mal schwer und tragisch sein, aber immer trägt sie uns mit wie ein warmer Sommerwind.

Die 5 schönsten Sommerromane unter den Literaturklassikern sind für den LIWI-Verlag:

  1.       Wellen von Eduard Graf von Keyserling
  2.       Der Stechlin von Theodor Fontane
  3.       Florentinische Nächte von Heinrich Heine
  4.       Sommernovellette von Stefan Zweig
  5.       Über Feld und Strand von Gustave Flaubert

1.  Wellen von Eduard Graf von Keyserling

Eduard Graf Von Keyserling - Wellen

Ein Buch voller fein gezeichneter Charaktere und doch ist das Meer der eigentliche Protagonist. In all seinen Facetten spiegelt es die Höhen und Tiefen, die schönen Stunden und die trüben Gedanken der Handelnden wider.

Sommerfrische an der See. Das Meer liegt grün und friedlich. Sanfte, träge Wellen laufen über glattgestrichenen Sand. Die Tage sind hell und lang und müde. Die alte Generalin von Palikow versammelt in der Pension „Bullenkrug“ ihre Familie um sich. Mit von der Partie sind ihre Tochter Baronin von Buttlär, die Enkel Lolo, Nini und Wedig. Ein wenig später gesellen der Schwiegersohn Baron von Buttlär und Lolos Verlobter Leutnant Hilmar sich zu der kleinen Gesellschaft.

„Jetzt wird das Leben bei uns ganz freiherrlich“, freut sich Ernestine, das kleine Dienstmädchen, und ahnt nicht, welch schicksalhafte Ereignisse der Familie bevorstehen. Denn nicht weit entfernt haben der Maler Hans Grill und die schöne Doralice Quartier bezogen. Doralice gehörte einst den gleichen adeligen Kreisen an wie die Generalin und ihre Verwandtschaft. Doch verließ sie ihren 30 Jahre älteren Mann für den freigeistigen Maler Hans. Und je mehr die Familie Palikow-Buttlär versucht, die Gesellschaft des geächteten Paares zu meiden, umso größer wird die Anziehungskraft, die Hans und Doralice auf die jüngeren Familienmitglieder ausübt.

Sommerleichte Ironie und Spannung bis zur letzten Seite

„‚Nichts, heute nichts‘, sagte Hans und machte eine Handbewegung, als wollte er das Meer beiseiteschieben. ‚Es ziert sich heute, es macht sich klein und süß, um zu gefallen.‘ ‚So laß es doch‘, bat Doralice. ‚Ja, ja, ich lasse es ja‘, erwiderte Hans ungeduldig.“

Und so bleibt das Meer nicht lange klein und süß. Das Wasser trübt sich, das Schicksal nimmt seinen Lauf und glätten sich die Wellen doch einmal wieder, so tritt die Exzellenz Geheimrat Knospelius auf den Plan und bringt eine neue Dynamik in die zwischenmenschlichen Irrungen und Wirrungen.

Wellen besticht durch seinen Wechsel von sommerleichter Ironie und Spannung bis zur letzten Seite. Denn ob man die Protagonisten beim Spaziergang am Strand oder zum Tanz im Birkenwäldchen begleitet oder ein Sturm aufzieht – die Frage, wen die Wellen am Ende brechen werden, ist stets präsent und die Antwort überraschend. So ist die kleine, feine Novelle, die erstmalig im Jahr 1911 die Leser in ihren Bann schlug, nicht nur beim Strandurlaub an der Ostsee lesenswert. Doch in den Dünen zwischen Seegras und unterm Sonnenschirm ist die Gefahr besonders groß, nicht mehr aufzustehen, bevor das Buch beendet ist. Und dann: Ab ins Meer und sich sanft von den Wellen schaukeln lassen.

2. Der Stechlin von Theodor Fontane

Theodor Fontane Der StechlinDas Schöne an einem langen Sommerurlaub ist: Es passiert im Außen nicht viel. Doch dafür ist endlich Zeit für all die großen Gedanken, für all die tiefen Gefühle und für all die anregenden Gespräche, die im Alltag so wenig Raum finden. Und so geht es auch mit dem Roman Der Stechlin von Theodor Fontane. „Zum Schluss stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich“, fasst Fontane selbst sein Werk zusammen. Es geschieht nicht viel, doch saugen wir Seite um Seite auf, um ja nichts zu verpassen. Denn da treffen interessante Menschen aufeinander und reden über Gott und die Welt, bringen unsere eigenen Gedanken und Gefühle auf den Punkt und inspirieren uns zu neuen Ideen. Es ist eindeutig das Gespräch, das hier dominiert und durch das die Protagonisten charakterisiert werden.

Darüber hinaus lebt das Buch von den Gegensätzen und Widersprüchen, die seine Zeit aufwirft. Stadt und Land, Arm und Reich, Pflicht und Freiheit. Auf der einen Seite steht das ländliche Leben. Da sind die großen Schlösser und Güter mit ihrem Landadel, aber auch die Bauern und Dorfbewohner. Auf der anderen Seite ist die Metropole Berlin – preußisch klar mit Kaiser und mit Militär, doch auch mit einer aufstrebenden Sozialdemokratie und unzufriedenen Arbeitern. Der Stechlin zeichnet das Bild einer Zeit im Umbruch.

Bild einer Zeit im Umbruch

„Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben. Und vor allem sollen wir, wie der Stechlin uns lehrt, den großen Zusammenhang der Dinge nie vergessen. Sich abschließen heißt sich einmauern, und sich einmauern ist Tod. Es kommt darauf an, dass wir gerade das beständig gegenwärtig haben.“ Fasst es die Gräfin Melusine treffend zusammen.

Der Stechlin ist damit auch ein Zeitroman und ein politisches Buch. Es geht um den Abschied von alten Zeiten und um das Leben an sich. Und ganz nebenbei ist das Werk eine Liebeserklärung an die Mark Brandenburg und die traumhafte Landschaft, die Fontane so oft durchwanderte. Die Landschaftsbeschreibungen und Darstellungen von Berlin machen Lust darauf, selbst einmal durch Brandenburg zu wandern und einen krönenden Abschluss zwischen den Berliner Prachtbauten zu erleben.

Ein Vorabdruck des Romans erschien im Jahr 1897 in der Deutschen Illustrirten Zeitung. Fontane überarbeitete den Text anschließend jedoch noch einmal von Grund auf und sendete die letzten Korrekturen noch kurz vor seinem Tod an den Verlag, der schließlich 1899 die Buchausgabe herausbrachte.

3. Florentinische Nächte von Heinrich Heine

Heinrich Heine Florentinische NächteAuf Anraten des Arztes soll Maximilian seiner todkranken Freundin „närrische Geschichten“ erzählen. Und Maximilian folgt der Aufforderung und erzählt. Und wie er erzählt! Er entspinnt zwei Geschichten voller Fantasie, wundersamer Begegnungen und Ereignisse, mal realistisch-satirisch, mal traumhaft und surreal. Er erzählt von fahrendem Volk, vom Variété, von Tänzerinnen mit düsteren Geschichten und von gutbürgerlichen Eheleuten. Eine Marmorstatue, Paganini, ein Zwerg und ein Bauchredner haben einen Auftritt.

Heinrich Heines zauberhafte Novelle Florentinische Nächte wurde 1835 erstmals publiziert. Es ist das reinste Vergnügen dieses Werk an lauen Sommerabenden zu verschlingen. Denn es ist komisch, ironisch, witzig und unterhaltsam, garniert mit wunderschönen Sprachbildern. Und wer noch mehr aus dem Buch mitnehmen will, liest es am besten gleich ein zweites Mal. Denn das Werk steckt voller Verrätselungen und lässt sich gleichsam als Allegorie von grundlegenden Themen wie Liebe, Kunst und Politik in Zeiten der Revolution lesen.

Allegorie für Liebe, Kunst und Politik

Zwei Jahre vor der Erstveröffentlichung der Florentinischen Nächte waren die Zensurmaßnahmen in der Republik verschärft worden. Politische und gesellschaftliche Kritik wurden untersagt. Und auch Heinrich Heine passte sich an. In den Florentinischen Nächten setzt er seinen Schwerpunkt auf Schilderungen von Zuständen und Lebenserscheinungen. Er beschwerte sich bei seinem Verleger Campe, dass ihm wohl nichts bliebe, als „ein Buch herauszugeben, welches höchst interessant und liebenswürdig sey, ohne weder Politik noch die Religion zu berühren.“ Doch ganz konnte er es wohl nicht lassen, denn dem aufmerksamen Leser werden symbolisch-motivische Verschlüsselung nicht entgehen. Schließlich war Heinrich Heine ein Meister der literarischen „Maske, Tarnung und Verstellung“, wie schon der Literaturwissenschaftler und Heine-Experte Gerhard Höhn feststellte. Allein die Rahmenhandlung gibt Anlass zu Interpretationen. Maria liegt im Sterben und Maximilian soll sie durch unterhaltsame Geschichten beruhigen und sicherstellen, dass die Kranke weiterhin im Bette bleibt:

„‘An was dachten Sie eben, Maximilian?‘ wiederholte sie nochmals und erhob sich so hastig in die Höhe, daß die langen Locken, wie aufgeschreckte Goldschlangen, ihr Haupt umzingelten. ‚Um Gott!‘ rief Maximilian, indem er sie sanft wieder aufs Sofa niederdrückte, ‚bleiben Sie ruhig liegen, sprechen Sie nicht; ich will Ihnen alles sagen, alles was ich denke, was ich empfinde, ja was ich nicht einmal selber weiß!‘“

Lassen wir uns also diesen Sommer von Heine unterhalten und erfahren, was er selber noch nicht wusste.

4. Sommernovellette von Stefan Zweig

Stefan Zweig - Sommernovellette

Cadenabbia am Comer See – weiße Villen, ruhige Wasser, dunkler Wald, Stille und Frieden. Stefan Zweig versetzt uns in seiner Sommernovellette in eine Zeit, in der Norditalien noch nicht einmal in den heißen Sommermonaten von Touristen überlaufen war. Der Ich-Erzähler berichtet von einer „sonnenbeglänzten Einsamkeit“. Und er erzählt von den wenigen Gästen in seinem Hotel, von denen besonders einer seine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ein älterer Herr weckt sein Interesse und zwei Regentage bringen die beiden einander näher.

Das Leben des Älteren scheint ein einziger langer Sommerurlaub zu sein. Ohne je einem Beruf nachgehen zu müssen, bereiste er Zeit seines Lebens die Welt, genießt Kunst und Kultur ohne sich bemüßigt zu fühlen, selbst etwas zu erschaffen. Er sammelt Augenblicke.

„Ich glaube zwar nicht an Erinnerungen: das Erlebte ist erlebt in der Sekunde, in der es uns verläßt. Und Dichtung, geht das nicht ebenso zugrunde, zwanzig, fünfzig, hundert Jahre später? Aber ich will Ihnen heute etwas erzählen, wovon ich glaube, dass es eine hübsche Novelle wäre.“

Auf den Spuren von Cyrano de Bergerac

Und er erzählt. Er erzählt, wie er im vorangegangenen Sommer am gleichen Ort gastierte und nach Art eines Cyrano de Bergerac begann, Briefe an ein junges Mädchen zu schreiben. Aus Langeweile. Aus Mitleid.

„Da versuchte ich eine merkwürdige Sache. Ich dachte: dies ist ein junges Mädchen. […] Sicherlich träumt sie von Abenteuern […]. Nichts wird ihr hier Unwahrscheinlichkeit, Unmöglichkeit dünken. So entschloss ich mich, ihr einen geheimen Liebhaber zu erfinden.“

Und fortan beobachtet der ältere Herr das Mädchen. Er beobachtet die Veränderung, die die Briefe in ihm auslösen, seine aufkeimende Leidenschaft, seine sichtbare Sehnsucht. Doch wie der Erzähler festhält: „In keinem Alter schreibt man ungestraft feurige Briefe und träumt sich in die Gefühle einer Liebe hinein.“ Und am Ende ist es nicht das junge Mädchen, das die Hauptrolle in der Novelle spielt, sondern einer, der es selbst zu spät erkennt.

Dieses zauberhafte Büchlein liest sich am besten an einem ruhigen, schattigen Plätzchen an einem heißen Sommernachmittag am See. Zwischendurch wird das Buch immer einmal wieder auf den Schoß gelegt, der Blick schweift über das Wasser, während wir im Stillen noch einmal einen von vielen Sätzen voller Poesie nachklingen lassen.

Die Novelle erschien erstmals 1911 in der Geschichtensammlung Erstes Erlebnis: Vier Geschichten aus Kinderland.

5. Über Feld und Strand von Gustave Flaubert

Gustave Flaubert - Über Feld und Strand. Eine Reise in der BretagneEs gibt wohl keinen Reiseführer, der es mit den poetischen Beschreibungen der Bretagne in diesem Werk aufnehmen könnte:

„Man steigt einen sanften Abhang zum Schloß empor und er führt in einen zur Terrasse aufgehöhten Garten, von dem aus sich der Blick voll über das umgebende Land ausbreitet. Es war von zartem Grün; auf den Ufern des Flusses standen Pappelreihen; bis zum Rande reichten die Wiesen, die in der Ferne ihre grauen Grenzen in den bläulichen und dunstigen Horizont verwischten, den der Umriß der Hügel unbestimmt abschloß. Mitten hindurch rollte die Loire und badete ihre Inseln, befeuchtete die Kante der Wiesen, trieb Mühlen und ließ auf ihren versilberten Windungen die großen aneinandergebundenen Boote hingleiten, die friedlich, Seite an Seite, zum langsamen Knarren des großen Steuerruders halb schlafend dahinzogen, und weit hinten sah man zwei große Segel, die in der Sonne vor Weiße strahlten.“

Doch nicht nur, wer einen Sommer in der Bretagne plant, steigert mit diesem Werk seine Vorfreude auf den Urlaub. Über Feld und Strand – eine Reise in der Bretagne bringt generell in Urlaubsstimmung, macht Lust auf Unbeschwertheit, auf Reiseabenteuer, neue Bekanntschaften und gute Gespräche. Ein Buch also, dass nicht nur ganz wunderbar im Urlaub, sondern schon davor gelesen werden kann.

Ein Buch mit Geschichte

Das Buch hat darüber hinaus einen ausgesprochen interessanten Hintergrund. Denn Flaubert machte sich kurz nach dem Tod seiner Schwester und seines Vaters auf die Reise durch die Bretagne. Drei Monate lang wollte er mit seinem Freund Maxime du Camp Ablenkung finden, Abstand gewinnen und Erholung schöpfen nach einer schweren und tragischen Zeit. Das Werk gibt uns Einblick in Flauberts Sicht der Reise. Ursprünglich war es als gemeinsames Buch von Flaubert und Du Camp geplant. Flaubert schrieb die ungeraden, Du Camp die geraden Kapitel. Doch erst 1858, elf Jahre nach der Reise erschien ein Fragment aus Flauberts Kapiteln.

Die gemeinsame Reise wurde von den beiden Schriftstellern bis ins kleinste Detail geplant. Und die Freude über jede Station der Reise schwingt mit und Seite um Seite spüren wir das größer werdende Freiheitsempfinden Flauberts. Wir begegnen gemeinsam mit dem Autor starrsinnigen Bauern, hübschen Kellnerinnen und natürlich: dem Meer und der großartigen bretonischen Landschaft, die hier weit mehr als eine Kulisse ist.