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Was ist ein Klassiker?

Literatur-Klassiker erklärt in 5 Kategorien

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“Klassiker? – Alte Bücher, die die Leute immer noch lesen.” So salopp drückte es der britische Literaturwissenschaftler Frank Kermode (1919 – 2010) aus und traf damit zumindest schon einmal den Kern der Sache. Ein Literaturklassiker im Sinne des Verlagsbuchhandels bezeichnet Werke, die den Stil ihrer Zeit und ihren Zeitgeist überdauert, die ihre Gültigkeit bewahrt haben, Werke, die bereits unzählige Male aufgelegt und noch immer gerne und oft gelesen werden. Klassiker sind Bücher, die ganze Lesergenerationen begeistern.

Nicht verwechseln: Weimarer Klassik und Klassiker

“Edle Einfalt, stille Größe” – diese auf den Archäologen, Bibliothekar und Antiquar Joachim Winckelmann (1717 – 1768) zurückgehende Formel wurde zum Credo von Künstlern und Literaten wie Goethe, Schiller, Wieland und Herder. So entstand die Weimarer Klassik. Diese grenzte sich mit ihren moralischen und ästhetischen Ansprüchen deutlich von vorangegangenen literarischen Epochen wie dem Barock mit seinen schweren, getragenen Werken ab.

Klassiker im Sinne des Verlagsbuchhandels können dagegen aus ganz unterschiedlichen Epochen stammen. Somit zählen zu den Klassikern der deutschen Literatur deutlich mehr Werke als die von Goethe und Schiller.

Anhand von fünf Kategorien und einschlägigen Beispielen lässt sich verdeutlichen, was einen echten Literaturklassiker ausmacht.

  1. Klassiker sind thematisch zeitlos
  2. Klassiker prägen Gattungen und Genres
  3. Klassiker erweitern den Horizont
  4. Klassiker helfen, moderne Literatur zu verstehen
  5. Klassiker beherrschen Stil und Sprache

1. Klassiker sind thematisch zeitlos

Stefan Zweig - Die Welt von Gestern

Das wichtigste Merkmal eines Klassikers ist seine Zeitlosigkeit. Einen Klassiker der Weltliteratur können wir heute noch lesen und trotz manch veralteter Bezeichnung, trotz anderer historischer Umstände noch immer die Emotionen und Handlungen der Protagonisten verstehen, nachvollziehen und mit ihnen fühlen. Wer kann nicht die ungelebte Sehnsucht einer Madame Bovary oder das beglückende Gefühl der ersten Verliebtheit von Romeo und Julia nachempfinden? Wer verstünde nicht die Verzweiflungstat eines Woyzeck? Wen schockierte nicht der Verrat eines Macbeth?

Die behandelten Themen bedeuten für Menschen, die ähnliches am eigenen Leib erfahren haben, etwas anderes, als Lesern, die derlei noch nicht durchlebten. Dabei ist für Letztere die Essenz des Buches, die Erkenntnisse, die sie über sich und das Leben gewinnen, nicht weniger spannend oder wichtig – vielleicht sogar wichtiger als für jene, die an der Realität gelernt haben.

Damit sind die Themen vieler Klassiker heute so aktuell wie zu ihrer Entstehungszeit. Manchmal ragen die Themen gar mit überdeutlicher Wucht bis in unsere Gegenwart hinein – so wie in Stefan Zweigs Die Welt von Gestern. Hier formuliert der Autor neben seinen beeindruckenden Lebenserinnerungen zugleich seine Vorstellungen eines geeinten Europas. Und dies macht sein Werk gerade heute unbedingt empfehlenswert.

Auch Romane mit sehr spezifischen Themen wie Die Pest zu London von Daniel Defoe oder das Decameron von Boccaccio können immer wieder Hochkonjunktur erhalten, wie dies beispielsweise durch den Ausbruch des Coronavirus 2020 geschehen ist. Diese und weitere Pandemieklassiker helfen uns heute die Katastrophe der Pandemie einzuordnen, zu verstehen und zu verarbeiten.

2. Klassiker prägen Gattungen und Genres

Charles Baudelaire - Die Blumen des Bösen (Les Fleurs du Mal)Manch ein Klassiker steht exemplarisch für eine bestimmte literarische Gattung oder ein bestimmtes Genre. Und manch einem Klassiker ist eine Gattung, ein Genre oder eine bestimmte Begrifflichkeit erst zu verdanken. Man denke da nur an das Genre der Großstadtlyrik. Dieses ist auf den französischen Lyriker Charles Baudelaire zurückzuführen.  Baudelaire erkannte, dass es zur geistigen Durchdringung des Phänomens der Großstadt einer neuen Sprache, neuer Bilder und Formen bedarf. Mit ihrer Hilfe stellte er auf eindrückliche Weise Licht- und Schattenseiten von Paris dar. In Werken wie Die Blumen des Bösen und Der Spleen von Paris schreibt er von “den befreienden Dunkelheiten in den steinernen Labyrinthen”, aber auch vom Stadtmensch, der “in seiner Verdammnis kochte”.

Nicht nur in der Lyrik, auch im Stadtroman wird mit Hilfe von Aufbau und Sprache versucht, die Besonderheiten des Großstadtlebens greifbar zu machen. Baudelaires Landsmann Guy de Maupassant beispielsweise bediente sich zu diesem Zweck in seinem Paris-Roman Bel-Ami einer beißend scharfen Ironie. Und Hans Fallada zeichnet in Ein Mann will nach oben mit viel Berliner Schnauze und Figuren, die dem Leser direkt ins Herz geschrieben wurden, ein lebendiges Bild der deutschen Hauptstadt kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Andere Autoren und ihre Werke wiederum werden zum Synonym für besondere Umstände.

Die Szenarien, die Kafka in Büchern wie Die Verwandlung oder Der Prozess entwirft, wurden durch den Begriff ‘kafkaesk’ exemplarisch für unheimliche und auf absurde Weise bedrohliche Situationen.

Der Begriff der ‘Robinsonade’ geht auf Daniel Defoes Robinson Crusoe aus dem Jahr 1719 zurück. Der Kampf ums Überleben in einer unfreiwilligen Isolation hat seither zahlreiche Autoren, Filmemacher und andere Künstler zu eigenen Auslegungen und Interpretationen mit inspiriert. Hierzu zählen auch dystopische Varianten wie Herr der Fliegen von William Golding oder moderne Deutungen wie die Fernsehserie Lost.

3. Klassiker erweitern den Horizont

H. G. Wells - Die ZeitmaschineViele Klassiker lassen uns in neue oder andere Welten eintauchen und erweitern auf diese Weise unseren Horizont. Ein einschlägiges Beispiel hierfür ist der englische Klassiker Die Zeitmaschine von H. G. Wells. Der bahnbrechende Science-Fiction-Roman erschien 1895 und begründete eine moderne Zukunftsliteratur. Die Geschichte um den englischen Wissenschaftler, der in das Jahr 802701 reist, liest sich auch heute noch unglaublich spannend. Dabei kritisierte Wells mit seiner Zukunftsvision letztendlich die Missstände seiner Gegenwart: Die Zweiklassengesellschaft im England des 19. Jahrhunderts. Für den heutigen Leser wird das Werk damit zu einer Expedition in Zukunft UND Vergangenheit.

Eine ganz andere Art der Horizonterweiterung erhalten wir durch Werke wie Walden von Henry David Thoreau. Zu Lebzeiten galt Thoreau mit seinem Einsiedlerleben im Einklang mit der Natur als Sonderling. Dennoch – oder gerade deshalb – übte seine Erzählung eine große Faszination auf seine Zeitgenossen aus. Und heute, wo viele Menschen im Angesicht der Klimakrise und der Corona-Pandemie ihre Sehnsucht nach einem naturnahen Leben entdecken, erfährt Walden eine regelrechte Renaissance.

Die Horizonterweiterung durch einen Klassiker muss nicht immer das Entdecken neuer Welten im Außen bedeuten. Auch unser Innenleben können wir mit Hilfe von Klassikern erforschen. Sexuelles Erwachen, gelebte Leidenschaft, verborgene Sehnsüchte – das sind Themen, die nie an Brisanz verlieren und in zahlreichen Klassikern mit schönsten Worten aufbereitet wurden, mit Worten, die uns so manches Mal fehlen, wenn es um die eigenen Begierden geht. Und das Aufsehen, das Bücher wie Frühlings Erwachen von Frank Wedekind, Der Reigen von Arthur Schnitzler und natürlich Flauberts Madame Bovary erregten, zeugt davon, dass schon Scharen von Lesern vor unserer Zeit von diesen Leidenschaften fasziniert waren.

Auch für den kühlen Verstand eröffnen Klassiker neue Welten. Als Immanuel Kant 1784 seine Schrift zur Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? veröffentlichte, beschränkte sich diese auf wenige Seiten, war in ihrer Wirkung aber gewaltig. Der Appell, sich seines Verstandes ohne Anleitung anderer zu bedienen, hat nie an Aktualität verloren. Noch immer ist Kants Schrift Ausgangspunkt zahlreicher Diskussionen und Überlegungen zu den Themen Mündigkeit des Menschen, selbständiges Denken und Verantwortung.

4. Klassiker helfen, moderne Literatur zu verstehen

Klaus Mann Mephisto LIWI VerlagAuch, wenn manch einer anderes behaupten mag: Autoren lesen. Autoren lesen viel. Und viele Autoren lesen Klassiker. “Wer sich nicht in der Tradition der Literatur zu bewegen weiß, kann nicht beurteilen, ob das, was er oder sie macht, innovativ, interessant und bemerkenswert ist”, sagt Thedel von Wallmoden, Gründer des Wallstein Verlags, im Interview mit dem Deutschlandfunk. Und manch ein modernes Werk lässt sich in seiner ganzen Größe erst mit Kenntnis der ihm zugrunde liegenden Klassiker begreifen, verstehen und einordnen. Zwei Beispiele für immer wieder rezipierte Klassiker sind Goethes Faust und Homers Odyssee.

Der Fauststoff war bereits vor Goethe verbreitet und geht auf das Leben und vor allem das spektakuläre Ende des historischen Johann Georg Faust zurück. Schon 1587 erschien das Volksbuch Historia von D. Johann Fausten des Buchdruckers Johann Spies und zwei Jahre später brachte Christopher Marlowe Die tragische Historie vom Doktor Faustus heraus. Doch erst Goethe machte aus dem Stoff ein Meisterwerk, das von nachfolgenden Autorengenerationen gelesen und aufgegriffen wurde. Diese Werke zählen inzwischen zum Teil selbst zu den (modernen) Klassikern wie Klaus Manns Mephisto oder Bulgakows Der Meister und Margarita.

Motive der Odyssee wurden bereits in der klassischen Antike rezipiert. Und die Strahlkraft von Homers Heldenreise reicht bis in die Moderne. Das Epos wurde dabei nicht nur von Literaten verarbeitet. Auch zahlreiche Filme und Kunstwerke sind von Homer inspiriert. Bekannte Beispiele sind etwa Ulysses von James Joyce, aber auch die Star-Wars-Reihe von George Lucas.

5. Klassiker beherrschen Stil und Sprache

William Shakespeare - Hamlet. Prinz von Dänemark

Den einen guten Stil, die eine perfekte Sprache gibt es nicht. Es wäre schließlich auch langweilig, immer nur den gleichen guten Ton zu lesen. Autoren von Klassikern zeichnen sich eher dadurch aus, dass sie ihren ganz eigenen Stil gefunden haben. Der Literaturwissenschaftler Michael Maar hat die Regeln, auf denen ein solch guter Stil basiert, auf ganz wunderbare Weise formuliert:

“Regel I: Man ist Stilist, oder man ist es nicht. Widerlegung der Regel: Wir finden bei Goethe ganz schwache Sätze und fänden nach eifrigem Bemühen in den Sternstunden der Menschheit ein paar gute.

Regel II, modifiziert: Es gibt ein paar unfehlbare Stilisten. Schopenhauer, Hebel, Gottfried Keller, Kafka.

Hauptregel: Es gibt keine Regeln, jedenfalls kann man sie alle brechen. Aber man muss es können.” (Maar 2020, S. 14)

Aber man muss es können. Das ist der wohl wichtigste Punkt. Mit Sprache zu experimentieren ist eine feine Sache, doch ob ein Experiment gelingt oder nicht, dazu gehört ein ausgezeichnetes Sprachgefühl. Auf der anderen Seite kann man sich an sämtliche Regeln der Sprachkunst halten und heraus kommt nur ein blutleerer Text. Autoren von Klassikern vermögen es, sich zwischen den Polen der kreativen Experimentierfreude und der Handwerkskunst geschickt zu bewegen. Dabei heraus kommen Werke von vollendeter Form in Stil und Sprache wie Die Perser des griechischen Dichters Aischylos oder Shakespeares Hamlet. Andere Autoren bestechen durch eine freie, leidenschaftliche Stilistik wie Heinrich von Kleist in seinem Michael Kohlhaas oder Georg Büchner mit seiner brachialen Sprache im Woyzeck.

Fazit: Klassiker lesen!

Es gibt viele gute Gründe, warum Klassiker gerne und oft gekauft und gelesen werden. Die Klassikersammlung im Buchregal beeindruckt nicht nur Gäste und Besucher. Vielmehr zeichnen sich diese Werke dadurch aus, dass es immer wieder Freude macht, sie in die Hand zu nehmen, in ihnen zu blättern, sie wieder und wieder zu lesen und immer wieder neu zu entdecken.

Ein Klassiker kann uns durch seine Sprache bezaubern oder gar berauschen.

Er vermag uns in bestimmte Stimmungen zu versetzen. Er kann uns dazu verleiten, Sätze oder ganze Abschnitte anzustreichen, um sie bei Bedarf immer wieder schnell finden und noch einmal und noch einmal und noch einmal lesen zu können.

Klassiker wecken Sehnsüchte und Erinnerungen – nicht nur durch ihre Inhalte. Durch das erneute Lesen eines Klassikers, den wir in unserer Jugend voller Seufzen und Sehnen verschlungen haben, können wir noch einmal in der Gefühlswelt unseres jüngeren Ichs versinken.

Klassiker fordern uns heraus. Bei anderen Klassikern, die in der Schulzeit zur Pflichtlektüre gehörten, lohnt es sich, sie Jahre später noch einmal in die Hand zu nehmen. Beim Faust zum Beispiel kann so aus der Pflicht die Kür werden.

Und last, but not least: Klassiker machen klüger. Sie helfen uns, das Leben, die Liebe und die Kunst besser zu verstehen. Oder – frei nach Michael Krüger im Gespräch mit Rüdiger Safranski und Martin Meyer: Wer keine Klassiker liest, begrenzt sich! (Vgl. Krüger, Meyer, Safranski, 2019) Fazit: Klassiker lesen!

Quellen

Krüger, Michael; Meyer, Martin; Safranski, Rüdiger: Klassiker! Carl Hanser Verlag, 2019.

Maar, Michael: Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis großer Literatur. Rowohlt Verlag, 2020.

Verleger Thedel von Wallmoden und Horst Lauinger im Gespräch über Kanon und Klassiker, Frankfurter Buchmesse, Deutschlandfunk Interview vom 18.10.2019 https://www.deutschlandfunk.de/frankfurter-buchmesse-2019-im-digitalen-zeitalter-lassen.700.de.html?dram:article_id=461369


Thomas Löding, 15. Mai 2021