Witiko

Stifters „Witiko“ ist ein zeitloser historischer Roman über einen Menschen inmitten großer politischer Umbrüche:

Als in Böhmen ein Streit um die Nachfolge des Herzogs ausbricht, muss Witiko zwischen konkurrierenden Ansprüchen und seiner eigenen Vorstellung von Recht entscheiden.

Sein Weg führt ihn durch Kriege und politische Konflikte bis zu eigenem Land, einer Burg und der Gründung einer Familie.

Mit großer sprachlicher Ruhe und historischer Genauigkeit entwirft Stifter das monumentale Bild einer ganzen Epoche.

Immer wieder öffnet sich dabei der Blick auf die Landschaft des Böhmerwaldes:

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„Von der Schneide des Waldes sieht man in das Tal der Moldau hinab, welche in vielen Windungen und im moorigen Boden, der sich aus dem Walde herausgelöst hat, in die ferneren Gelände hinaus geht. Gegen sie steigt der Wald in breiten dichten Wogen ab, nimmt sie nicht selten in seine Schatten, und läßt sie wieder in Wiesen und Hutweiden hinaus. Und so geht er von ihr in vielen Wellen in mitternächtlicher gegen Morgen geneigter Richtung in das Land Böhmen hinein (…).“

So verbindet „Witiko“ politische Geschichte, persönliche Bewährung und Stifters unverwechselbare Naturdarstellung zu einem weitgespannten Panorama des mittelalterlichen Böhmens.

Hier ungekürzt, frisch aufgelegt als Taschenbuch.

Adalbert Stifter. Witiko. Eine Erzählung. Erstdruck in drei Bänden: Gustav Heckenast, Pest, 1865-1867. Durchgesehener Neusatz, der Text dieser Ausgabe folgt: Adelbert Stifter: Gesammelte Werke in sechs Bänden, herausgegeben von Max Stefl, Band 5, 6.-10. Tausend der Gesamtausgabe, Insel, Wiesbaden 1959. Vollständige Neuausgabe, Göttingen 2026.

EAN: 9783753805191
Ein großer historischer Roman über das mittelalterliche Böhmen.

22,0 cm / 16,0 cm / 4,6 cm ( B/H/T )
LIWI Literatur- und Wissenschaftsverlag
September 2026 – 668 Seiten

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Ausgewählte Naturbeschreibungen

„Mitternachtwärts von der Gegend, die hier angeführt worden ist, steigt das Land staffelartig gegen jenen Wald empor, der der böhmisch-bayerische genannt wird. Es besteht aus vielen Berghalden, langgestreckten Rücken, manchen tiefen Rinnen und Kesseln, und obwohl es jetzt zum größten Teile mit Wiesen, Feldern und Wohnungen bedeckt ist, so gehört es doch dem Hauptwalde an, mit dem es vielleicht vor Jahren ununterbrochen überkleidet gewesen war. Es ist, je höher hinauf, immer mehr mit den Bäumen des Waldes geziert, es ist immer mehr von dem reinen Granitwasser durchrauscht, und von klareren und kühleren Lüften durchweht, bis es im Arber, im Lusen, im Hohensteine, im Berge der drei Sessel und im Blöckensteine die höchste Stelle und den dichtesten und an mehreren Orten undurchdringlichen Waldstand erreicht. Dieser auch jetzt noch große Wald hat in seinen Niederungen vornehmlich die Buche, höher hinauf das Reich der Tanne und des ganzen Geschlechtes der Nadelhölzer, und endlich auf dem Grate der Berge auch oft Holz, nicht der Berghöhe, sondern der kalten Winde wegen, die gerne und frei hier herrschen. Von der Schneide des Waldes sieht man in das Tal der Moldau hinab, welche in vielen Windungen und im moorigen Boden, der sich aus dem Walde herausgelöst hat, in die ferneren Gelände hinaus geht. Gegen sie steigt der Wald in breiten dichten Wogen ab, nimmt sie nicht selten in seine Schatten, und läßt sie wieder in Wiesen und Hutweiden hinaus. Und so geht er von ihr in vielen Wellen in mitternächtlicher gegen Morgen geneigter Richtung in das Land Böhmen hinein, bis er nach vielen Stunden, die ein Mann zu wandern hätte, mit der letzten der Wellen, die den Namen Blansko führt, an der Ebene steht, in welcher die Stadt Budweis liegt.“

Erster Band, Kapitel 1, S. 6–7 der LIWI-Ausgabe

„Hier sahen sie weite und breite Gelände gegen Morgen und Mitternacht; aber es war lauter Wald. Die Moldau war an manchen Stellen zu sehen, und glänzte matt in dem Lichte des Himmels. Witiko blieb stehen, und sah auf die Moldau hinab.“

Erster Band, Kapitel 1, S. 35

„Die Männer gingen nun von der Stelle, auf der sie gestanden waren, noch ein wenig gegen Morgen und zugleich abwärts. Nach einer Weile standen sie an dem oberen Rande einer Felswand, welche in fallrechter Richtung nieder ging, und zu ihren Füßen einen finstern See hatte, der zwischen Felsen und Wäldern wie in einer Höhle unten lag. Der Wald faßte ihn ein, und seine Oberfläche zeigte nichts Lebendiges. Die Ufer an der Wand waren von herabgestürzten Bäumen gesäumt. Der junge Reiter trat auf eine Steinplatte, welche von der Wand weg gleichsam über den See vorragte, und schaute eine geraume Zeit hinunter. Nachdem er seinem Schauen ein Ende gemacht hatte, kehrte er wieder um, und schickte sich zum Gehen an.“

Erster Band, Kapitel 1, S. 35

„So ging die Zeit hin, es mochte eine heitere trockne Wintersonne sein, oder Schneegestöber sein, oder Sturm sein, oder der Winternebel in die Zweige der Tannen herab reichen. Die Tage wurden länger. Die Sonne war morgens schon sehr zeitlich über den Föhren heroben, und am Abende stand noch spät die blaue Seewand im Golde des Himmels. Das Heulen des Wolfes war nicht mehr zu vernehmen, dafür tönte der Schrei des Hirsches, oder der Ruf des Auerhahnes, oder ein schneller Klang der Frühlerche.

Der Reif ging von den Wäldern, daß sie dunkel da standen, der Schnee rann als Wasser von den Bergen und durch die Senkung der Täler, bis kein kleines Teilchen der Hülle mehr sichtbar war. Die längliche Tafel des Tales zeigte nun in ihrem unteren Teile Wiesen, und in dem fahlen Wintergrase war die blaue Schlange der Moldau. Weiter oben waren die braunen Streifen der geackerten Felder, oder die grünen derer, die Wintersaaten trugen, dann war der Wald.

Es begannen nun die Frühlingsarbeiten, und Martin und Raimund rückten mit ihren Gespannen in ihr Feld, und gedungene Lohnarbeiter halfen ihnen, und Witiko war auch dabei, und legte, wo es nötig war, Hand an, bis die Wiesen und Felder bestellt waren, und ihrer Ruhe und Entwicklung entgegen harren konnten.

Die Wintersaaten wurden höher und grüner, die Sommersaaten keimten, die Wiesen färbten sich dunkel, der Waldkirschenbaum, welcher im Sommer die kleinen schwarzen Kirschen bringen sollte, war mit weißen Blüten überdeckt, die Schlehe und der Kreuzdorn blühten, der Holzbirnbaum auch, darnach begann der Waldapfelbaum, die Tannen setzten die neuen lichtgrünen Sprossen an, und endlich öffnete sich auch die Blume der lichteren und dunkleren Waldrose mit den fünf Blättern, die am Hage oder am Saume des Waldes dahin stand.“

Erster Band, Kapitel 4, S. 124–125

„Sie zogen auf der Ebene hin, die Sonne schien schon tief aus Wolkenschleiern. Und da sie an das Ende der Ebene gekommen waren, ging sie unter. Nun fing wieder hoher Wald an, der sachte abwärts ging. Weil es in ihm dunkelte, stieg Witiko ab, und führte sein Pferd hinter sich her. Nach einer Stunde kamen sie auf eine freie Stelle. Sie hörten im Walde einen Ruf. Sie blieben stehen. Es war stille. Dann tönte wieder der Ruf. Sie blieben noch stehen. Die Stelle war sehr sonderbar. Es glänzte Wasser im Monde, es glänzte das Gras um das Wasser, und die Büsche daran glänzten auch, aus ihnen ragten dunkle Giebel wie Dächer von Hütten empor, und oben war der Mond in gelblichen Wolken. Am Saume des Waldes standen drei Gestalten, welche in weite Gewänder gehüllt waren, und die Gewänder auch über die Häupter gezogen hatten. Sie schienen Weiber zu sein. Es tönte wieder im Walde der Ruf, dann war es wieder stille. Dann tönte der Ruf noch einmal aber schwach, dann begann ein Gesang wie von vielen Stimmen. Der Gesang war ruhig und langsam. Er dauerte eine Weile, dann war es stille. Dann begann der Gesang wieder.“

Erster Band, Kapitel 4, S. 125–126

„Er blickte vor sich nach Baiern hinaus. Es waren dunkle und weiße Streifen bis an die Alpen dahin. Die Alpen waren blauer und schärfer, als er sie im Sommer gesehen hatte, und der Schnee war klar in ihren Spalten, in ihren Mulden, und auf ihren sanften Hängen. Dann wendete er sich um, und sah in das Land Böhmen. Der breite dunkle Wald ging in Schimmerreif hinunter, die Moldau war verhüllt, und jenseits war wieder dunkler stiller und bereifter Wald. Witiko sah den blauen Zug der Schönebene, des Hochfichtes, des Blöckensteines und der Seewand. Er sah den blauen Blansko. Er sah auch den Kreuzberg, der in Mitternacht von dem oberen Plane steht.“

Zweiter Band, Kapitel 3, S. 414

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Verfasst von Thomas Löding, LIWI Blog, zuletzt aktualisiert am 08. September 2026

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