
Der Sozialismus und die Seele des Menschen
Was wäre, wenn der Sozialismus nicht die Unterordnung des Einzelnen, sondern seine Befreiung bedeutete?
In seinem ebenso radikalen wie poetischen Essay „Der Sozialismus und die Seele des Menschen“ entwirft Oscar Wilde eine Gesellschaft, in der Armut, Konkurrenz und Privateigentum den Menschen nicht länger daran hindern, seine Persönlichkeit zu entfalten.
Denn: „Die wahre Vollkommenheit des Menschen liegt nicht in dem, was er hat, sondern in dem, was er ist.“ (S. 13)
Sein Ziel ist keine Gleichmacherei, sondern die größtmögliche Freiheit des Individuums. Erst wenn der Zwang zur Anhäufung von Besitz und zu erniedrigender Arbeit entfällt, kann der Mensch seine Fähigkeiten entwickeln, schöpferisch leben und seine Persönlichkeit verwirklichen.
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Angeregt wurde Wilde durch die sozialistischen Ideen George Bernard Shaws und die anarchistische Gedankenwelt Peter Kropotkins. In der Forschung werden zudem Einflüsse William Godwins und Parallelen zu William Morris‘ utopischem Sozialismus hervorgehoben. Wildes Essay steht damit an einer ungewöhnlichen Schnittstelle von Anarchismus, Ästhetizismus und Individualismus.
Seine Wirkung reicht bis in die Gegenwart. Slavoj Žižek greift Wildes Kritik an der Wohltätigkeit auf, um zu zeigen, wie moralischer Konsum und private Mildtätigkeit gesellschaftliche Widersprüche verdecken können. Was 1891 als provokante Utopie erschien, liest sich heute wie eine Herausforderung an eine Welt, in der Besitz noch immer mehr gilt als Persönlichkeit.
Ein ebenso elegantes wie kompromissloses Plädoyer für Freiheit, Kunst und einen Sozialismus ohne Autorität.
Hier als Taschenbuch-Neuausgabe.
Oscar Wilde. Der Sozialismus und die Seele des Menschen. Drei Essays. Übersetzt von Hedwig Lachmann und Gustav Landauer.
Enthält die Essays „Der Sozialismus und die Seele des Menschen“, „Aus dem Zuchthaus zu Reading“ und „Aesthetisches Manifest“ sowie das Gedicht „Sonett an die Freiheit“.
Erste gemeinsame Buchausgabe dieser deutschen Zusammenstellung: Oscar Wilde: Der Sozialismus und die Seele des Menschen. Aus dem Zuchthaus zu Reading. Aesthetisches Manifest. Übersetzt von Hedwig Lachmann und Gustav Landauer. Verschollene Meister der Literatur, Band 2, Berlin 1904.
Der Text dieser Ausgabe folgt der deutschen Buchausgabe von 1904. Vollständige Neuausgabe, Göttingen 2026.
Das Bildnis des Oscar Wilde Doku (2019)
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Berühmte Zitate
„Unbotmässigkeit ist für jeden, der die Geschichte kennt, die recht eigentliche Tugend des Menschen. Durch die Unbotmässigkeit ist der Fortschritt gekommen, durch Unbotmässigkeit und Aufsässigkeit.“
„Der Sozialismus und die Seele des Menschen“, S. 10 der LIWI-Ausgabe
„Der Sozialismus ist lediglich darum von Wert, weil er zum Individualismus führt.“
„Der Sozialismus und die Seele des Menschen“, S. 8
„Nur in freiwilligen Vereinigungen ist der Mensch schön.“
„Der Sozialismus und die Seele des Menschen“, S. 12
„Die wahre Vollkommenheit des Menschen liegt nicht in dem, was er hat, sondern in dem, was er ist.“
„Der Sozialismus und die Seele des Menschen“, S. 13
„Leben – es gibt nichts Selteneres in der Welt. Die meisten Leute existieren, weiter nichts.“
„Der Sozialismus und die Seele des Menschen“, S. 14
„‚Erkenne dich selbst,‘ stand über dem Portal der antiken Welt zu lesen. Ueber dem Portal der neuen Welt wird stehen: ‚Sei du selbst.‘“
„Der Sozialismus und die Seele des Menschen“, S. 16
„Es gibt nur eine Klasse in der Gemeinschaft, die mehr ans Geld denkt, als die Reichen, und das sind die Armen.“
„Der Sozialismus und die Seele des Menschen“, S. 17
„Grosse Hoffnungen setzte man einst auf die Demokratie; aber Demokratie bedeutet lediglich, dass das Volk durch da Volk für das Volk niedergeknüppelt wird.“
„Der Sozialismus und die Seele des Menschen“, S. 19
„Je weniger Strafe, um so weniger Verbrechen.“
„Der Sozialismus und die Seele des Menschen“, S. 20
„Entbehrung, nicht Sünde ist die Mutter des Verbrechens unserer Zeit.“
„Der Sozialismus und die Seele des Menschen“, S. 20
„Der Staat hat das Nützliche zu tun. Das Individuum hat das Schöne zu tun.“
„Der Sozialismus und die Seele des Menschen“, S. 21
„Eine Weltkarte, in der das Land Utopia nicht verzeichnet ist, verdient keinen Blick, denn sie lässt die eine Küste aus, wo die Menschheit ewig landen wird.“
„Der Sozialismus und die Seele des Menschen“, S. 23
„Der Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien.“
„Der Sozialismus und die Seele des Menschen“, S. 23
„Selbstsucht heisst nicht: so leben, wie man zu leben wünscht; sie heisst: von andern verlangen, so zu leben, wie man zu leben wünscht.“
„Der Sozialismus und die Seele des Menschen“, S. 40
„Und Uneigennützigkeit heisst: andrer Menschen Leben in Ruhe lassen, sich nicht hineinmischen.“
„Der Sozialismus und die Seele des Menschen“, S. 40
„Es ist nicht selbstsüchtig, auf seine Art zu denken. Wer nicht auf seine Art denkt, denkt überhaupt nicht.“
„Der Sozialismus und die Seele des Menschen“, S. 40
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Verfasst von Thomas Löding, LIWI Blog, zuletzt aktualisiert am 23. Juli 2026
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