Gedichte

Zwischen Naturbetrachtung, Liebesgedicht und philosophischer Reflexion entfaltet Friedrich Hebbels Lyrik eine unverwechselbare Spannung:

Schönheit erscheint bei ihm oft im Licht der Vergänglichkeit, das persönliche Gefühl öffnet sich ins Allgemeine, und selbst einfache Bilder gewinnen eine fast schicksalhafte Tiefe.

Die vorliegende Ausgabe beruht auf der Ausgabe letzter Hand, der letzten zu Hebbels Lebzeiten erschienenen Gedichtauswahl. Damit liegt seine Lyrik in der maßgeblichen Form vor, die der Autor selbst noch verantwortet hat.

Versammelt sind alle berühmten Gedichtte Hebbels, darunter Sommerbild („Ich sah des Sommers letzte Rose steh’n“, S. 108), Herbstbild („Dieß ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!“, S. 110) und Nachtlied („Quellende, schwellende Nacht“, S. 19).

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Berühmte Gedichte

Seele, vergiß sie nicht,
Seele, vergiß nicht die Todten!
Sieh, sie umschweben dich,
Schauernd, verlassen,
Und in den heiligen Gluten,
Die den Armen die Liebe schürt,
Athmen sie auf und erwarmen,
Und genießen zum letzten Mal
Ihr verglimmendes Leben.
Seele, vergiß sie nicht,
Seele, vergiß nicht die Todten!

Sieh, sie umschweben dich,
Schauernd, verlassen,
Und wenn du dich erkaltend
Ihnen verschließest, erstarren sie
Bis hinein in das Tiefste.
Dann ergreift sie der Sturm der Nacht,
Dem sie, zusammengekrampft in sich,
Trotzten im Schooße der Liebe,
Und er jagt sie mit Ungestüm
Durch die unendliche Wüste hin,
Wo nicht Leben mehr ist, nur Kampf
Losgelassener Kräfte
Um erneuertes Sein!
Seele, vergiß sie nicht,
Seele, vergiß nicht die Todten!

Requiem, S. 25–26 der LIWI-Ausgabe

Wir träumten von einander
Und sind davon erwacht,
Wir leben, um uns zu lieben,
Und sinken zurück in die Nacht.

Du tratst aus meinem Traume,
Aus deinem trat ich hervor,
Wir sterben, wenn sich Eines
Im Andern ganz verlor.

Auf einer Lilie zittern
Zwei Tropfen, rein und rund,
Zerfließen in Eins und rollen
Hinab in des Kelches Grund.

Ich und Du, S. 92

Ich sah des Sommers letzte Rose steh’n,
Sie war, als ob sie bluten könne, roth;
Da sprach ich schauernd im Vorübergeh’n:
So weit im Leben, ist zu nah‘ am Tod!

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,
Nur leise strich ein weißer Schmetterling;
Doch, ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
Bewegte, sie empfand es und verging.

Sommerbild, S. 108

Dieß ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als athmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah‘,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dieß ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute lös’t sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Stral der Sonne fällt.

Herbstbild, S. 110

Quellende, schwellende Nacht,
Voll von Lichtern und Sternen:
In den ewigen Fernen,
Sage, was ist da erwacht!

Herz in der Brust wird beengt,
Steigendes, neigendes Leben,
Riesenhaft fühle ich’s weben,
Welches das meine verdrängt.

Schlaf, da nahst du dich leis,
Wie dem Kinde die Amme,
Und um die dürftige Flamme
Ziehst du den schützenden Kreis.

Nachtlied, S. 19

Frau Amme, Frau Amme, das Kind ist erwacht!
Doch die liegt ruhig im Schlafe.
Die Vöglein zwitschern, die Sonne lacht,
Am Hügel weiden die Schafe.

Frau Amme, Frau Amme, das Kind steht auf,
Es wagt sich weiter und weiter!
Hinab zum Brunnen nimmt es den Lauf,
Da stehen Blumen und Kräuter.

Frau Amme, Frau Amme, der Brunnen ist tief!
Sie schläft, als läge sie d’rinnen!
Das Kind läuft schnell, wie es nie noch lief,
Die Blumen locken’s von hinnen.

Nun steht es am Brunnen, nun ist es am Ziel,
Nun pflückt es die Blumen sich munter,
Doch bald ermüdet das reizende Spiel,
Da schaut’s in die Tiefe hinunter.

Und unten erblickt es ein holdes Gesicht,
Mit Augen, so hell und so süße.
Es ist sein eig’nes, das weiß es noch nicht,
Viel stumme, freundliche Grüße!

Das Kindlein winkt, der Schatten geschwind
Winkt aus der Tiefe ihm wieder.
Herauf! Herauf! So meint’s das Kind:
Der Schatten: Hernieder! Hernieder!

Schon beugt es sich über den Brunnenrand,
Frau Amme, du schläfst noch immer!
Da fallen die Blumen ihm aus der Hand,
Und trüben den lockenden Schimmer.

Verschwunden ist sie, die süße Gestalt,
Verschluckt von der hüpfenden Welle,
Das Kind durchschauert’s fremd und kalt,
Und schnell enteilt es der Stelle.

Das Kind am Brunnen, S. 57–58

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Erstmals erschienen 1857. Hier als Taschenbuch-Neuausgabe.
Friedrich Hebbel. Gedichte. Nach der Ausgabe letzter Hand. Gedichte von Friedrich Hebbel. Gesammt-Ausgabe, stark vermehrt und verbessert, Cotta, Stuttgart 1857. Der Text dieser Ausgabe folgt:

Friedrich Hebbel: Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Besorgt von Richard Maria Werner. 1. Abteilung: Werke, B. Behr s Verlag, Berlin 1911 ff. Neuausgabe, Göttingen 2026.

EAN: 9783753804675
Mit den berühmten Gedichten Sommerbild, Herbstbild, Nachtlied, Ich und Du u. v. a.. 22,0 cm / 15,5 cm / 1,9 cm ( B/H/T )
LIWI Literatur- und Wissenschaftsverlag
Juli 2026 – 268 Seiten

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Verfasst von Thomas Löding, LIWI Blog, zuletzt aktualisiert am 06. März 2026

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