Göttingen – Stadt mit den meisten Buchhandlungen

 

Aufzug Göttinger Studenten, Inauguration 1737

Wie viele Verlage und Buchhandlungen es in Deutschland gibt, ermittelt jährlich der „Börsenverein des deutschen Buchhandels“. 2019 veröffentlichte er seine aktuellen Zahlen für 2018/19. Die Stadt mit den meisten Buchhandlungen pro Einwohner mag dabei überraschen – es handelt sich weder um Buchmessestädte wie Frankfurt oder Leipzig, noch um Kulturmetropolen wie Berlin, Köln oder München. Sondern um die 120.000-Einwohner-Stadt Göttingen. Warum Göttingen?

 

Geschichte als Universitätsstadt

Der erste Grund liegt vermutlich in der Geschichte: Göttingen beherbergt mit der Georg-August-Universität die größte und älteste Universität Niedersachsens. 1734 gegründet, wuchs die Hochschule rasch auf etwa 1.000 Studierende an und zählte damit zu den größten im damaligen Europa. Derzeit sind etwa 31.600 Studierende eingeschrieben. Ebenfalls im Gründungsjahr 1734 entstand die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek und wuchs in kurzer Zeit zu einer der größten Bibliotheken Deutschlands heran. Mit über 9 Millionen Medieneinheiten zählt sie bis heute zu den wichtigsten wissenschaftlichen Bibliotheken des Landes und beherbergt zudem die berühmte Gutenberg-Pergament-Bibel, welche zum UNESCO-Weltdokumentenerbe zählt. Fachbuchhandlungen fühlen sich naturgemäß wohl in der Nähe von Hochschulen, und so finden sich gleich mehrere, teils direkt auf dem Campus, teils in unmittelbarer Campusnähe.

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Aula am Wilhelmsplatz, Göttingen, um 1837

Traditionsreiche Verlagsstadt

Der zweite Grund liegt in der Rolle Göttingens als Verlagsstadt – zahlreiche Publikums-, Fach- und Wissenschaftsverlage prägten und prägen bis heute die Buchkultur.

Im Zuge der Universitätsgründung gründet sich beispielsweise 1735 der Wissenschaftsverlag Vandenhoeck & Ruprecht. Schwerpunkte sind Theologie und Religion, Geschichte, Altertumswissenschaft, Philosophie, Literatur- und Sprachwissenschaft). Daneben zählt auch praxisorientierte Fachliteratur (z.B. für Personalentwicklung und Management, Beratungsberufe oder kirchlicher Gemeindearbeit) zu den Verlagsschwerpunkten. Zu den bekanntesten Autoren zählt der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther.

Als Beispiel für einen internationalen Fachverlag lässt sich der 1949 gegründete Hogrefe-Verlag nennen. Er ist heute führend im Bereich der psychologischen Fachliteratur und wird in zweiter Generation von G.-Jürgen Hogrefe als internationales Familienunternehmen geleitet.

Zu den international erfolgreichen Verlagen zählt auch der Steidl Verlag. Im Jahr 1969 gründete Gerhard Steidl den bis heute konzernunabhängigen, eigentümergeführten Verlag. Zu den bekanntesten belletristischen Autoren zählen die Literaturnobelpreisträger Günter Grass und Halldór Laxness. Als Kunstverlag genießt das Göttinger Unternehmen internationalen Ruhm und druckt etwa Fotobücher von Karl Lagerfeld oder Keanu Reeves, aber auch Kataloge und Flyer für das Modelabel Chanel.

Georg-Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss 2014 CC0

Der 1986 gegründete Wallstein Verlag wurde durch Ruth Klügers autobiographischen Romanerfolg „Weiter leben. Eine Jugend“ ab 1992 einem breiten Publikum bekannt. Heute zählen bedeutende Schriftsteller der Gegenwartsliteratur wie Dea Loher oder Lukas Bärfuss, der 2019 mit dem Georg-Büchner-Preis die renommierteste Literaturauszeichnung im deutschsprachigen Raum erhielt, zu den Autoren des Verlags.

Weitere Verlage sind der 1975 gegründete Lamuv Verlag mit Büchern zur Friedensbewegung und Community Organizing (wie z.B. der „Anleitung zum Mächtigsein“ von Saul Alinsky). Fußballfans bekannt sein dürfte dagegen eher der Verlag Die Werkstatt (gegründet 1981), welcher sich auf Bücher zum Fußballsport spezialisiert hat.

Der LIWI Verlag zählt mit seiner Gründung im Jahr 2018 zu den jüngeren Unternehmen in der Göttinger Verlagslandschaft. Derzeit sind über 240 verschiedene Titel von mehr als 30 Autorinnen und Autoren lieferbar. Zu den Schwerpunkten zählen Klassiker der literarischen Moderne (Stefan Zweig, Virginia Woolf, u.a.). Zudem erscheint aktuelle Fachliteratur in der neuen Buchreihe Wissenschaft im 21. Jahrhundert.

Dieser – unvollständige – Überblick über die vielfältige Verlagslandschaft verdeutlicht: Verlage bereichern das Kulturleben – nicht zuletzt auch durch Veranstaltungen wie Buchpremieren und Lesungen. Dies führt zum dritten Grund, warum Göttingen die Stadt mit den meisten Buchhandlungen ist: Göttingen ist insgesamt eine vitale Literaturstadt.

Lebendige Literaturstadt

Vielleicht sehnt sich der eine oder andere Göttinger nach einem Ballett oder Opernhaus in der eigenen Stadt. Doch während die 120.000-Einwohner-Stadt in diesen Bereichen offenkundig noch Entfaltungsmöglichkeiten aufweist,  ist das Literatur- und Theaterleben durchaus reichhaltig und vielfältig. Das Deutsche Theater ist mit über 100.000 Zuschauern jährlich das größte der Stadt, hier zeigte der Schauspieler Götz George viele Jahre sein Talent, bevor er im Fernsehen Berühmtheit erlangte. Das Junge Theater ist mit deutlich kleinerem Ensemble, aber über 50.000 Gästen im Jahr ebenfalls hoch frequentiert. Schauspielgröße Bruno Ganz gab hier sein Debüt.

Theater im OP, Stück "Shoppen" 2016

Theater im OP, Tanzszene aus dem Stück „Shoppen“, 2016

Das Theater im OP (ThOP) ist mit über 10.000 Zuschauern jährlich das größte Universitätstheater Deutschlands und eine feste Institution im Kulturleben. Gespielt wird in einem ebenso ungewöhnlichen wie sehenswertem Aufführungsraum – einem ehemaligen Schau-Operationssaal, die darunter liegende historische Notaufnahme dient als Probebühne.

Auch die Freie Szene wie das Boat People Projekt, das Theaterfestival für Menschen mit und ohne Behinderung oder die in der Kulturszene fest etablierten Stillen Hunde ziehen zahlreiche Theaterbegeisterte an.

Zahlreiche namhafte Autorinnen und Autoren finden zudem regelmäßig den Weg in die Stadt, lesen in den Theaterhäusern, im Alten Rathaus oder im Literarischen Zentrum, welches die wichtigste Schnittstelle in der Göttinger Literaturlandschaft darstellt. Das Literarische Zentrum organisiert jedes Jahr etwa 40 Lesungen sowie  das Poetree-Lyrikfestival und ist seit 2014 maßgeblich an der Planung des Göttinger Literaturherbstes beteiligt. Gäste dieses hochkarätig besetzten Literaturfestivals waren etwa Herta Müller, Wolf Biermann, Saša Stanišić, Douglas Adams, T.C. Boyle, Thea Dorn, Robert Menasse, Bodo Kirchhoff, Juli Zeh, Denis Scheck, Michel Houllebecq, Donna Leon, Cees Noteboom, Marcel Reich-Ranicki  und Daniel Kehlmann.

Nicht zuletzt bereichert der gedruckte und digitale Kulturjournalismus (das Göttinger Tageblatt und die HNA, das Göttinger Kulturbüro und das Online-Feuilleton Litlog) durch regelmäßige Rezensionen die literarisch interessierte Öffentlichkeit.

Vielfältiger Buchhandel

Und diese Vielfalt spiegelt sich auch in der Göttinger Buchhandelslandschaft wieder: Von Eulenspiegel, einer Buchhandlung für spirituelle Wege und Kunst, der Akademischen Buchhandlung Calvör, vertreten in der Innenstadt und in der Universität, der Buchhandlung Hertel am Wochenmarkt, dem Laura Frauen- und Kinderbuchladen, über die alternative Buchhandlung Rote Straße, die zwei Vaternahm-Buchläden „Buchstern“ und „TaBuLa“, dem „ältesten Taschenbuchladen Deutschlands“, bis hin zu den bekannten Filialisten Hugendubel (in der Innenstadt und auf dem Campus) und, mit zwei Filialen und der größten Buchhandlung der Stadt:  Thalia. In der Statistik des Börsenvereins werden auch Antiquariate mitgezählt, hierzu zählen etwa die beiden Innenstadtantiquariate von Peter Pretzsch, der mit „Büchern zu Studentenpreisen“ wirbt.

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Börsenverein-Kampagne „Jetzt ein Buch!“

Fazit: Manchmal ist es Liebe

Die Antwort auf die Frage, warum Göttingen die Stadt mit den meisten Buchhandlungen ist, wurde mit historischen und aktuellen Betrachtungen begründet, doch der wichtigste Grund ist wohl viel einfacher, viel grundlegender, ist ebenso schlicht wie einfach – Liebe. Die Göttinger brauchen ihre Literatur, ihre Lesungen und ihre Buchhandlungen, denn: Göttingen „… ist eine Literatur liebende Stadt.“ (Heinrich Detering, Dlf 15.01.2020).

 


 

Göttinger Buchhandel von A bis Z:

Der Buchladen, Buchhandlung Barking, Göttinger Str. 37, 37124 Rosdorf
Buchhandlung Calvör, Akademische Buchhandlung, Jüdenstr. 23 und Calvör in der Uni, Platz der Göttinger Sieben 4, 37073 Göttingen
Buchladen Rote Straße, Kollektiv „Roter Buchladen“, Literatur zu Sozialen Bewegungen und Globalisierung, Nikolaikirchhof 7, 37073 Göttingen
Comic-Galerie Codina Koch, Comics, Kurze Str. 7, 37073 Göttingen
Eulenspiegel, Buchhandlung für spirituelle Wege und Kunst, Gotmarstr. 1, 37073 Göttingen
ExLibris, Antiquariat für Kultur und Geschichte, führt auch Remittenden, Prinzenstraße 20, 37073 Göttingen
H. Vaternahm, Modernes Antiquariat und Zweitausendeins-Shop, „TaBula“ Weender Straße 68 / „Buchstern“ Theaterstr. 24, 37073 Göttingen
Hugendubel, Weender Landstr. 6 (fachlich/wissenschaftlich sortiert am Campus) und Weender Str. 33, 37073 Göttingen
Laura Frauen- und Kinderbuchladen GmbH, Literatur von und für Frauen, Kinderbücher, Jugendbücher, seit 1977 in der Burgstr. 21, 37073 Göttingen
Schmitt & Hahn Buch und Presse, Bahnhofsbuchhandlung, Bahnhofsplatz 1, 37073 Göttingen
Thalia, Weender Str. 36, 37073 Göttingen, über zwei Stockwerke verteilt größte Buchhandlung der Stadt, und Am Kauf Park 2, 37079 Göttingen
Thieme & Frohberg, Fachbuchhandlung für Medizin, Am Landwehrgraben 2, 37083 Göttingen
Peter Pretzsch, Antiquariat, Gotmarstraße 9 und Antiquariat Nr. 2, Groner Str. 5, 37073 Göttingen
Alte Seiten, wissenschaftliches Fachantiquariat mit geisteswissenschaftlichem Schwerpunkt, Maschmühlenweg 105, 37081 Göttingen
Antiquariat Hartmann, Spezialgebiete Jagd und Forst
Hertel, Buchhandlung am Wochenmarkt, unter anderem religiöse Literatur sowie eine Auswahl an Devotionalien wie Rosenkränze, Kommunionskerzen etc., Kurze Str. 14, 37073 Göttingen
Hölty-Stube, Bücherantiquariat, Johannisstr. 28, 37073 Göttingen
Steinwedel, Antiquariat, Lilienthalstr. 12, 37073 Göttingen


Literatur

Börsenverein des Deutschen Buchhandels: Mediendossier Buchhandel Stationäres Sortiment, Stationärer Buchhandel in Deutschland 2018, Frankfurt, 04.11.2019.
URL: https://www.boersenverein.de/presse/mediendossiers/mediendossier-buchhandel-stationaeres-sortiment/

Koldehoff, Stefan: Buchhandlungen in Göttingen, „Dies ist eine Literatur liebende Stadt“; Heinrich Detering im Gespräch mit Stefan Koldehoff, Deutschlandfunk, 15.01.2020.
URL: https://www.deutschlandfunk.de/buchhandlungen-in-goettingen-dies-ist-eine-literatur.691.de.html?dram:article_id=467936

Kopietz, Thomas: Göttingen hat die größte Buchhandlungsdichte, HNA, 14.01.2020.
URL: https://www.hna.de/lokales/goettingen/goettingen-ort28741/goettingen-hat-hoechste-dichte-an-buchhandlungen-13440357.html


Verfasst von Thomas Löding, 06. März 2020