Heinrich Heine Cholera französische zustände

Französische Zustände. Mit dem Bericht über den Ausbruch der Cholera in Paris

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„Da war es nun der guten Cholera nicht zu verdenken, daß sie aus Furcht vor dem Ridikül zu einem Mittel griff, welches schon Robespierre und Napoleon als probat befunden, daß sie nämlich, um sich in Respekt zu setzen, das Volk dezimiert.“

Heines berühmte Berichte für die Augsburger »Allgemeine Zeitung« enthalten seine scharfsinnigen Beobachtungen über den Ausbruch der Cholera von 1832. 

Zusammenfassung / Inhaltsangabe

„Französische Zustände. Mit dem Bericht über den Ausbruch der Cholera in Paris“ ist eine Sammlung von Berichten und Artikeln, die Heinrich Heine während seines Aufenthalts in Paris verfasste und die zwischen 1831 und 1832 in verschiedenen deutschen Zeitungen veröffentlicht wurden.

Diese Texte bieten einen tiefen Einblick in das politische und soziale Leben in Frankreich kurz nach der Juli-Revolution von 1830, während Heine dort im Exil lebte.

Heine beschreibt die politischen Umbrüche, die Stimmung unter den Bürgern, die Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen politischen Fraktionen und die Auswirkungen dieser Ereignisse auf das alltägliche Leben.

Ein besonderer Fokus liegt auf dem Ausbruch der Cholera in Paris im Jahr 1832, den Heine als Augenzeuge miterlebte. Er dokumentiert die Angst und das Chaos, die durch die Epidemie ausgelöst wurden, sowie die Reaktionen der Regierung und der Bevölkerung.

Durch seine scharfsinnigen Beobachtungen und persönlichen Reflexionen vermittelt Heine ein lebendiges Bild der „französischen Zustände“ und bietet gleichzeitig eine kritische Analyse der sozialen und politischen Verhältnisse.

Das Werk ist nicht nur ein historisches Dokument, sondern auch eine tiefgründige Betrachtung menschlichen Verhaltens unter dem Druck gesellschaftlicher und politischer Krisen.

Analyse und Interpretation

„Französische Zustände“ steht beispielhaft für Heines Fähigkeit, politische Berichterstattung mit literarischer Tiefe zu verbinden.

Heine nutzt seine Beobachtungen, um die Komplexität der politischen Landschaft in Frankreich nach der Juli-Revolution zu entwirren und die Ursachen sowie die Folgen der sozialen Unruhen aufzuzeigen.

Die Berichte zeichnen sich durch eine tiefgehende Analyse der Machtverhältnisse, der öffentlichen Meinung und der Rolle der Presse in der damaligen Zeit aus.

Heines Bericht über den Ausbruch der Cholera in Paris geht über eine einfache Ereignisschilderung hinaus; er reflektiert über die menschliche Natur, die in Zeiten von Angst und Unsicherheit zum Vorschein kommt.

Das Werk kann als eine frühe Form des investigativen Journalismus betrachtet werden, der persönliche Narration mit politischer und sozialer Analyse verbindet.

„Französische Zustände“ zeigt Heines Engagement für soziale Gerechtigkeit und seine Kritik an politischer Unterdrückung und Ungleichheit, Themen, die in seinem Gesamtwerk immer wieder auftauchen.

Die Textsammlung ist somit nicht nur ein historisches Zeugnis, sondern auch ein zeitloses Werk, das Fragen der Freiheit, Gerechtigkeit und menschlichen Würde thematisiert.

Sprache und Stil

Heinrich Heine ist bekannt für seinen einzigartigen Sprachstil, der sich durch Klarheit, Präzision und eine lebendige Bildsprache auszeichnet.

In „Französische Zustände“ verbindet Heine journalistische Sachlichkeit mit literarischer Eleganz, wodurch seine Berichte sowohl informativ als auch ästhetisch ansprechend sind.

Die Verwendung von Ironie und Satire ermöglicht es Heine, kritische Punkte auf humorvolle Weise anzusprechen und die Absurditäten der politischen Situation hervorzuheben.

Sein Stil zeichnet sich durch eine hohe Empathiefähigkeit und menschliche Tiefe aus, die es dem Leser ermöglichen, sich in die beschriebenen Situationen hineinzuversetzen.

Heines Fähigkeit, komplexe Sachverhalte in zugänglicher Sprache zu vermitteln, macht „Französische Zustände“ zu einem Meisterwerk des politischen Schreibens.

Durch die Kombination von Analyse, Berichterstattung und persönlicher Reflexion schafft Heine ein Werk, das bis heute in seiner Relevanz und seinem Einfluss nicht nachgelassen hat.

Die detaillierten Beschreibungen der Ereignisse und die tiefgründigen Charakterstudien der beteiligten Personen verleihen dem Werk eine besondere Lebendigkeit und Authentizität.

Heines Sprache in „Französische Zustände“ spiegelt seine Überzeugung wider, dass Literatur und Journalismus die Macht haben, gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen und das Bewusstsein der Menschen zu schärfen.

Die persönliche Perspektive, aus der Heine berichtet, trägt dazu bei, dass die Leser eine emotionale Verbindung zu den geschilderten Ereignissen und Figuren aufbauen können.

Insgesamt ist „Französische Zustände“ ein exemplarisches Werk, das zeigt, wie Heine seine literarischen Talente nutzte, um die politischen und sozialen Verhältnisse seiner Zeit kritisch zu hinterfragen und zu dokumentieren.

Durch die Kombination aus scharfer Beobachtungsgabe, literarischer Brillanz und politischen Engagement schuf Heine ein zeitloses Dokument, das noch Generationen nach ihm Leser und Kritiker fasziniert und zum Nachdenken anregt.

Wichtige Figuren

In „Französische Zustände“ ist Heinrich Heine selbst die zentrale Figur, als Beobachter und Berichterstatter der Ereignisse in Frankreich.

Durch seine Augen lernen wir verschiedene politische und soziale Akteure der Zeit kennen, darunter Revolutionäre, Bürger und Politiker, die in den Wirren nach der Juli-Revolution agieren.

Die Pariser Bevölkerung, besonders während des Ausbruchs der Cholera, spielt eine wesentliche Rolle, indem sie die menschliche Dimension der historischen Ereignisse vermittelt.

Louis-Philippe, der König von Frankreich, wird als wichtige Figur im Hintergrund dargestellt, dessen Politik und Herrschaftsstil Gegenstand von Heines kritischer Betrachtung sind.

Obwohl das Werk keine fiktiven Charaktere im herkömmlichen Sinne aufweist, werden die realen Personen mit einer solchen Tiefe und Lebendigkeit beschrieben, dass sie zu prägnanten Figuren in Heines Darstellung der „französischen Zustände“ werden.

Diese Figuren, sowohl einzelne Persönlichkeiten als auch die Masse, sind essenziell für das Verständnis der sozialen und politischen Dynamiken, die Heine aufzeigt.

Rezeption und Kritik

Die Rezeption von „Französische Zustände“ war seit seiner Veröffentlichung geprägt von der Anerkennung von Heines scharfem analytischem Blick und seiner literarischen Kunstfertigkeit.

Kritiker lobten das Werk für seine detaillierten und lebhaften Schilderungen der politischen Ereignisse sowie für die tiefgründigen psychologischen Einsichten in das Verhalten der Menschen während der Cholera-Epidemie.

Allerdings gab es auch Kritik, insbesondere von Seiten derer, die Heines politische Ansichten nicht teilten oder seine kritische Haltung gegenüber bestimmten politischen Gruppierungen und Persönlichkeiten ablehnten.

In der modernen Literaturwissenschaft wird „Französische Zustände“ häufig als ein bedeutendes Beispiel für politischen Journalismus und als Vorläufer des literarischen Journalismus gewürdigt.

Die Bedeutung des Werks für die Geschichte des politischen Schreibens und der Reportage wird besonders hervorgehoben, ebenso wie Heines Fähigkeit, komplexe politische Zusammenhänge verständlich und ansprechend zu vermitteln.

Heines Werk bleibt relevant, da es nicht nur historische Ereignisse dokumentiert, sondern auch zeitlose Fragen nach Freiheit, Gerechtigkeit und der Rolle des Individuums in der Gesellschaft aufwirft.

Häufige Fragen und Antworten

Was sind die „Französischen Zustände“ von Heine?

„Französische Zustände“ ist eine Sammlung von Texten Heinrich Heines, die seine Beobachtungen und Analysen der politischen und sozialen Verhältnisse in Frankreich nach der Juli-Revolution von 1830 zusammenfasst.

Warum hat Heine über den Ausbruch der Cholera in Paris berichtet?

Heine berichtete über den Cholera-Ausbruch, um die gesellschaftlichen Auswirkungen der Epidemie aufzuzeigen und die menschliche Reaktion auf eine kollektive Krise zu dokumentieren.

Wie wurde „Französische Zustände“ zur Zeit seiner Veröffentlichung aufgenommen?

Zur Zeit seiner Veröffentlichung wurde das Werk sowohl für seinen literarischen Wert als auch für seine kritische Perspektive auf die politischen Ereignisse in Frankreich gelobt, stieß aber auch auf Kritik wegen Heines politischer Positionen.

Welche Bedeutung hat „Französische Zustände“ heute?

Heute wird „Französische Zustände“ als ein wichtiges Werk angesehen, das nicht nur ein lebendiges Bild der politischen Landschaft Frankreichs im 19. Jahrhundert vermittelt, sondern auch als bedeutender Beitrag zur Entwicklung des politischen Journalismus und der literarischen Reportage gilt.

Warum ist Heines Schreibstil in „Französische Zustände“ besonders bemerkenswert?

Heines Schreibstil in „Französische Zustände“ ist besonders bemerkenswert für seine Fähigkeit, tiefgründige Analyse mit persönlicher Erzählung zu verbinden, wodurch die Ereignisse für den Leser zugänglich und lebendig werden.

Die Mischung aus Ironie, Satire und lyrischen Elementen verleiht seinen Berichten eine besondere Qualität, die sowohl unterhält als auch zum Nachdenken anregt.

Heines Sprachgebrauch ist gekennzeichnet durch seine Präzision und Ausdruckskraft, was seine Texte nicht nur zu wichtigen historischen Dokumenten macht, sondern auch zu Kunstwerken der deutschen Literatur.

Sein Stil ermöglicht es, komplexe soziale und politische Themen auf eine Weise zu behandeln, die sowohl kritisch als auch einfühlsam ist, wodurch er tiefere Einsichten in die menschliche Natur und gesellschaftliche Prozesse bietet.

Leseprobe:

„Ich rede von der Cholera, die seitdem hier herrscht, und zwar unumschränkt, und die ohne Rücksicht auf Stand und Gesinnung tausendweise ihre Opfer niederwirft.

Man hatte jener Pestilenz um so sorgloser entgegengesehn, da aus London die Nachricht angelangt war, daß sie verhältnismäßig nur wenige hingerafft. Es schien anfänglich sogar darauf abgesehen zu sein, sie zu verhöhnen, und man meinte, die Cholera werde ebensowenig wie jede andere große Reputation sich hier in Ansehn erhalten können. Da war es nun der guten Cholera nicht zu verdenken, daß sie aus Furcht vor dem Ridikül zu einem Mittel griff, welches schon Robespierre und Napoleon als probat befunden, daß sie nämlich, um sich in Respekt zu setzen, das Volk dezimiert. Bei dem großen Elende, das hier herrscht, bei der kolossalen Unsauberkeit, die nicht bloß bei den ärmern Klassen zu finden ist, bei der Reizbarkeit des Volks überhaupt, bei seinem grenzenlosen Leichtsinne, bei dem gänzlichen Mangel an Vorkehrungen und Vorsichtsmaßregeln, mußte die Cholera hier rascher und furchtbarer als anderswo um sich greifen. Ihre Ankunft war den 29. März offiziell bekanntgemacht worden, und da dieses der Tag des Mi-Carême und das Wetter sonnig und lieblich war, so tummelten sich die Pariser um so lustiger auf den Boulevards, wo man sogar Masken erblickte, die in karikierter Mißfarbigkeit und Ungestalt die Furcht vor der Cholera und die Krankheit selbst verspotteten. Desselben Abends waren die Redouten besuchter als jemals; übermütiges Gelächter überjauchzte fast die lauteste Musik, man erhitzte sich beim Chahût, einem nicht sehr zweideutigen Tanze, man schluckte dabei allerlei Eis und sonstig kaltes Getrinke: als plötzlich der lustigste der Arlequine eine allzu große Kühle in den Beinen verspürte und die Maske abnahm und zu aller Welt Verwunderung ein veilchenblaues Gesicht zum Vorschein kam. Man merkte bald, daß solches kein Spaß sei, und das Gelächter verstummte, und mehrere Wagen voll Menschen fuhr man von der Redoute gleich nach dem Hôtel-Dieu, dem Zentralhospitale, wo sie, in ihren abenteuerlichen Maskenkleidern anlangend, gleich verschieden. Da man in der ersten Bestürzung an Ansteckung glaubte und die ältern Gäste des Hôtel-Dieu ein gräßliches Angstgeschrei erhoben, so sind jene Toten, wie man sagt, so schnell beerdigt worden, daß man ihnen nicht einmal die buntscheckigen Narrenkleider auszog, und lustig, wie sie gelebt haben, liegen sie auch lustig im Grabe.

Nichts gleicht der Verwirrung, womit jetzt plötzlich Sicherungsanstalten getroffen wurden. Es bildete sich eine Commission sanitaire, es wurden überall Bureaux de secours eingerichtet, und die Verordnung in betreff der Salubrité publique sollte schleunigst in Wirksamkeit treten. Da kollidierte man zuerst mit den Interessen einiger tausend Menschen, die den öffentlichen Schmutz als ihre Domäne betrachten. Dieses sind die sogenannten Chiffonniers, die von dem Kehricht, der sich des Tags über vor den Häusern in den Kotwinkeln aufhäuft, ihren Lebensunterhalt ziehen. Mit großen Spitzkörben auf dem Rücken und einem Hakenstock in der Hand schlendern diese Menschen, bleiche Schmutzgestalten, durch die Straßen und wissen mancherlei, was noch brauchbar ist, aus dem Kehricht aufzugabeln und zu verkaufen. Als nun die Polizei, damit der Kot nicht lange auf den Straßen liegen bleibe, die Säuberung derselben in Entreprise gab, und der Kehricht, auf Karren verladen, unmittelbar zur Stadt hinausgebracht ward aufs freie Feld, wo es den Chiffonniers freistehen sollte, nach Herzenslust darin herumzufischen: da klagten diese Menschen, daß sie, wo nicht ganz brotlos, doch wenigstens in ihrem Erwerbe geschmälert worden, daß dieser Erwerb ein verjährtes Recht sei, gleichsam ein Eigentum, dessen man sie nicht nach Willkür berauben könne. Es ist sonderbar, daß die Beweistümer, die sie in dieser Hinsicht vorbrachten, ganz dieselben sind, die auch unsere Krautjunker, Zunftherren, Gildemeister, Zehntenprediger, Fakultätsgenossen und sonstige Vorrechtsbeflissene vorzubringen pflegen, wenn die alten Mißbräuche, wovon sie Nutzen ziehen, der Kehricht des Mittelalters, endlich fortgeräumt werden sollen, damit durch den verjährten Moder und Dunst unser jetziges Leben nicht verpestet werde. Als ihre Protestationen nichts halfen, suchten die Chiffonniers gewalttätig die Reinigungsreform zu hintertreiben; sie versuchten eine kleine Konterrevolution, und zwar in Verbindung mit alten Weibern, den Revendeuses, denen man verboten hatte, das übelriechende Zeug, das sie größtenteils von den Chiffonniers erhandeln, längs den Kais zum Wiederverkaufe auszukramen. Da sahen wir nun die widerwärtigste Emeute: die neuen Reinigungskarren wurden zerschlagen und in die Seine geschmissen; die Chiffonniers barrikadierten sich bei der Porte St. Denis; mit ihren großen Regenschirmen fochten die alten Trödelweiber auf dem Châtelet; der Generalmarsch erscholl; Casimir Périer ließ seine Myrmidonen aus ihren Butiken heraustrommeln; der Bürgerthron zitterte; die Rente fiel; die Karlisten jauchzten. Letztere hatten endlich ihre natürlichsten Alliierten gefunden, Lumpensammler und alte Trödelweiber, die sich jetzt mit denselben Prinzipien geltend machten, als Verfechter des Herkömmlichen, der überlieferten Erbkehrichtsinteressen, der Verfaultheiten aller Art.“

Buchausgabe

Heinrich Heine.
Französische Zustände.
Vollständige Ausgabe mit dem Bericht über den Ausbruch der Cholera in Paris.
Berichte für die Augsburger »Allgemeine Zeitung« 1831/32;
Erstdruck als Buch: Hoffmann und Campe, Hamburg 1833.
Durchgesehener Neusatz, diese Ausgabe folgt: Heines Werke in fünf Bänden, Vierter Band, Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1974.
Neuausgabe, LIWI Verlag, Göttingen 2020.
LIWI Literatur- und Wissenschaftsverlag

Verfasst von Thomas Löding, LIWI Blog, zuletzt aktualisiert am 22. März 2024

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