
Der Doktor Faust
Teuflische Tänzerinnen, Hexensabbat und die schöne Helena:
Heinrich Heines Doktor Faust verwandelt den berühmten Stoff in ein ebenso groteskes wie poetisches Tanzspektakel.
Ergänzt wird das Werk durch Heines ebenso scharfsinnige wie humorvolle Betrachtungen zur Faustsage, zu Goethe, Renaissance und Reformation – und zum ewigen Konflikt zwischen Vernunft, Glauben und Lebenslust.
Der Südwestrundfunk SWR berichtet über diese Ausgabe (siehe unten).
Buch bestellen
(Anzeige / Affiliatelink)*
Das Wichtigste in Kürze
- Autor: Heinrich Heine
- Titel: Der Doktor Faust. Ein Tanzpoem
- Entstehung: 1846/47 als Ballett für Her Majesty’s Theatre in London
- Veröffentlichung: 1851 bei Julius Campe
- Form: Tanzpoem bzw. Ballett-Libretto in fünf Akten
- Hauptfiguren: Faust und die weibliche Teufelsgestalt Mephistophela
- Handlung: Faust verschreibt sich der Hölle und sucht nach Sinnlichkeit, Schönheit und irdischem Glück.
- Zentrale Themen: Wissen und Glauben, Vernunft und Religion, Lebenslust und Askese, Schönheit und Verführung
- Besonderheit: Heine orientiert sich bewusst stärker an der alten Faustsage als Goethe und lässt Faust am Ende zur Hölle fahren.
Buch bestellen
(Anzeige / Affiliatelink)*
Zusammenfassung / Inhaltsangabe
Heinrich Heines Der Doktor Faust. Ein Tanzpoem greift den überlieferten Fauststoff auf und gestaltet ihn als phantastisches Ballett in fünf Akten. Im Mittelpunkt steht der Gelehrte Faust, der durch einen Pakt mit der als verführerische Tänzerin auftretenden Mephistophela nach Schönheit, Liebe und irdischem Glück sucht. Seine Reise führt ihn vom düsteren Studierzimmer über einen Fürstenhof und den Hexensabbat bis in die griechische Welt Helenas und schließlich zurück in eine bürgerliche Stadt. Anders als bei Goethe endet Fausts Geschichte bei Heine entsprechend der älteren Fausttradition mit seinem Untergang und seiner Verdammnis.
Erster Akt: Fausts Beschwörung und der Teufelspakt
Um Mitternacht sitzt Faust in seinem gotischen Studierzimmer, umgeben von Büchern, alchemistischen Geräten und Gegenständen der Nekromantie. Mit Hilfe eines angeketteten Zauberbuches beschwört er die Unterwelt. Zunächst erscheinen ein flammender Tiger und eine riesige Schlange, die Faust jedoch nicht beeindrucken. Erst die dritte Erscheinung überrascht ihn: Der Teufel tritt nicht als Schreckgestalt auf, sondern als attraktive Ballettänzerin – Mephistophela.
Mit ihrem Zauberstab verwandelt sie Fausts düstere Umgebung in eine glänzende, phantastische Welt. Schließlich zeigt sie ihm in einem Spiegel das Bild einer schönen Herzogin. Faust ist von ihr augenblicklich fasziniert. Um Zugang zu den ersehnten irdischen Genüssen zu erhalten, unterschreibt er mit seinem Blut den Vertrag und hat damit, seiner „himmlischen Seligkeit entsagt“.
Danach legt Faust seine Gelehrtentracht ab und verwandelt sich selbst in einen Tänzer. Unter Mephistophelas Anleitung überwindet er seine anfängliche Ungeschicklichkeit und erwirbt schließlich vollkommene tänzerische Gewandtheit. Der Tanz wird damit zum sichtbaren Zeichen seiner Verwandlung vom weltabgewandten Gelehrten zum Menschen der sinnlichen Erfahrung.
Zweiter Akt: Faust am Fürstenhof
Auf einem festlich geschmückten Schlossplatz begegnet Faust tatsächlich jener Herzogin, deren Bild Mephistophela ihm zuvor im Zauberspiegel gezeigt hatte. Beide erkennen sich sofort und fühlen sich zueinander hingezogen. Während Mephistophela den alten Herzog mit koketten Tänzen beschäftigt, nähert sich Faust dessen Frau.
Faust führt dem Hof seine Zauberkunst vor und beschwört unter anderem den tanzenden König David. Während der anschließenden Tänze entdeckt er am Hals der Herzogin ein Teufelsmal und erkennt an ihrem goldenen Schuh, dass sie selbst der dämonischen Welt angehört. Er vereinbart mit ihr ein „Rendezvous für den nächsten Hexensabbat“.
Als der Herzog schließlich die Annäherung zwischen seiner Frau und Faust bemerkt, versucht er Faust anzugreifen. Dieser verspottet ihn durch einen weiteren Zauber und lässt ihm ein gewaltiges Hirschgeweih wachsen. Nachdem auch die Höflinge gegen Faust und Mephistophela vorgehen, fliehen beide auf schwarzen Pferden durch die Luft.
Dritter Akt: Der Hexensabbat
Der dritte Akt spielt auf einem nächtlichen Berg, auf dem sich Hexen, Dämonen und andere Gestalten der Unterwelt zu einem grotesken Fest versammelt haben. Mittelpunkt der Szenerie ist ein schwarzer Bock auf einem Altar. Auch die Herzogin erscheint zum Sabbat und trifft dort erneut auf Faust. Beide stürzen sich zunächst in einen leidenschaftlichen Tanz.
Doch Fausts Begeisterung schlägt bald in Abscheu um. Die grotesken Rituale, die dämonischen Gestalten und schließlich auch die Herzogin selbst erfüllen ihn mit Ekel. Statt der mittelalterlich-dämonischen Welt empfindet er nun eine „unendliche Sehnsucht nach dem Reinschönen“.
Mephistophela erkennt diesen Wunsch und lässt das Bild der Helena von Sparta erscheinen. In ihr sieht Faust die Verkörperung der von ihm ersehnten antiken Schönheit und Harmonie. Gemeinsam mit Mephistophela verlässt er den Hexensabbat. Kurz darauf geht der schwarze Bock in Flammen auf, während die Versammlung in einer grotesken Satansmesse endet.
Vierter Akt: Faust und Helena
Faust und Mephistophela gelangen auf eine griechische Insel im Archipel. Die düstere Welt des Hexensabbats wird hier durch eine lichte, harmonische Landschaft ersetzt. Vor dem Tempel der Aphrodite herrschen Schönheit, Maß und „klassische Ruhe“.
Herrscherin dieser idealisierten Welt ist Helena von Sparta. Faust legt seine mittelalterliche Kleidung ab und nimmt selbst griechische Gestalt an. Zwischen ihm und Helena entwickelt sich eine harmonische Verbindung, die im Tanz ihren Ausdruck findet. Für einen Augenblick scheint Faust in der antiken Schönheit das von ihm ersehnte Ideal gefunden zu haben.
Doch die Herzogin folgt ihm. Aus Eifersucht zerstört sie die idyllische Welt durch einen Zauber: Himmel und Meer verdunkeln sich, Pflanzen verdorren, der Tempel zerfällt und Helena sowie ihre Gefährtinnen verwandeln sich in gespenstische Gestalten. Faust reagiert voller Zorn und ersticht die Herzogin. Während die Insel im Meer versinkt, können Faust und Mephistophela auf ihren schwarzen Pferden entkommen.
Fünfter Akt: Bürgerliches Glück und Fausts Untergang
Der letzte Akt führt zurück in eine christlich-bürgerliche Welt. Vor einer gotischen Kathedrale findet ein ausgelassenes Volksfest statt. Faust erscheint nun als fahrender Wunderdoktor und Quacksalber, der Heilmittel verkauft und durch seine Zauberkunst die Menschen zum Tanzen bringt.
Inmitten dieses Treibens begegnet er der Tochter des Bürgermeisters. Ihre Natürlichkeit und sittsame Schönheit ziehen ihn an. Anders als zuvor sucht Faust jetzt weder dämonische Sinnlichkeit noch ein unerreichbares Schönheitsideal. Er wirbt um die junge Frau und scheint im einfachen bürgerlichen Familienleben endlich das Glück gefunden zu haben, das ihm bisher versagt geblieben war.
Noch während sich der Hochzeitszug zur Kirche formiert, erscheint jedoch Mephistophela. Sie erinnert Faust an den Vertrag, den er zu Beginn geschlossen hat. Faust versucht vergeblich, in die Kirche zu fliehen. Mephistophela hält ihm den mit seinem Blut unterzeichneten Pakt entgegen: „Leib und Seele jetzt der Hölle gehöre“.
Faust bittet um Gnade, doch der Vertrag ist abgelaufen. Die Höllenfürsten erscheinen und verhöhnen ihn. Schließlich verwandelt sich Mephistophela in eine riesige Schlange, umschlingt Faust und erdrosselt ihn. Unter Flammen versinken Faust und die Dämonen in der Erde, während aus der Kathedrale Glockengeläut und Orgelmusik ertönen. Damit endet Heines Tanzpoem entsprechend der älteren Faustsage mit der Verdammnis Fausts.
Streit ums Cover
Der SWR berichtet in einem Artikel mit dem Thema „Von Nabokov bis Jelinek: Wenn Buchcover in die Irre führen“ (7.9.2026) auch über dieses Buch. Denn die Gestaltung der Erstausgabe sorgte für Aufregung. Verleger Julius Campe ließ 1851 für Heines Doktor Faust den Umschlag bedrucken – damals eine ungewöhnliche Neuerung im Verlagswesen.
Begeistert schrieb er an Heine, diese Art des Schmuckes sei „in der deutschen, auch wohl in anderer Literatur ganz neu, noch nie dagewesen“.
Heine selbst reagierte jedoch wenig erfreut. Besonders die Darstellung einer nackten Frau in einer Hexensabbat-Szene missfiel ihm: „Das Titel-Kupfer ängstigt mich sehr, wegen der nackten Dame“, schrieb er an Campe.
Der Zeichner wiederum rechtfertigte sich später damit, der Verleger habe ihm kaum Zeit gelassen und er habe im „Telegraphentempo“ arbeiten müssen.
Zu diesem Zeitpunkt war das Buch allerdings bereits erschienen.
Auch die Neuausgabe im LIWI VERLAG hätte Heine daher möglicherweise nicht gefallen.
Das Bild Walpurgisnacht. Der Aufbruch der Hexen (auch Hexen auf dem Weg zum Sabbat) des spanischen Malers Luis Ricardo Falero 1878 dient als Grundlage für die Covergestaltung.
Leseprobe:
Der Herzog wendet sich endlich gegen Faust und verlangt, als eine Probe seiner Schwarzkunst, den verstorbenen König David zu sehen, wie er vor der Bundeslade tanzte. Auf solches allerhöchste Verlangen nimmt Faust den Zauberstab aus den Händen Mephistophelas, schwingt ihn in beschwörender Weise, und aus der Erde, welche sich öffnet, tritt die begehrte Gruppe hervor: Auf einem Wagen, der von Leviten gezogen wird, steht die Bundeslade, vor ihr tanzt König David, possenhaft vergnügt und abenteuerlich geputzt, gleich einem Kartenkönig, und hinter der heiligen Lade, mit Spießen in den Händen, hüpfen schaukelnd einher die königlichen Leibgarden, gekleidet wie polnische Juden in lang herabschlotternd schwarzseidenen Kaftans und mit hohen Pelzmützen auf den spitzbärtigen Wackelköpfen. Nachdem diese Karikaturen ihren Umzug gehalten, verschwinden sie wieder in den Boden unter rauschenden Beifallsbezeugungen.
Aufs neue springen Faust und Mephistophela hervor zu einem glänzenden Pas-de-deux, wo der eine wieder die Herzogin und die andere wieder den Herzog mit verliebten Gebärden anlockt, so daß das erlauchte Fürstenpaar endlich nicht mehr widersteht und seinen Sitz verlassend, sich den Tänzen jener beiden anschließt. Dramatische Quadrille, wo Faust die Herzogin noch inniger zu bestricken sucht. Er hat ein Teufelsmal an ihrem Halse bemerkt, und indem er dadurch entdeckt, daß sie eine Zauberin sei, gibt er ihr ein Rendezvous für den nächsten Hexensabbat. Sie ist erschrocken und will leugnen, doch Faust zeigt hin auf ihren güldenen Schuh, welcher das Wahrzeichen ist, woran man die Domina, die fürnehmste Satansbraut, erkennt. Verschämt gestattet sie das Rendezvous. Parodistisch gebärden sich wieder gleichzeitig der Herzog und Mephistophela, und die dämonischen Tänzerinnen setzen den Tanz fort, nachdem die vier Hauptpersonen sich in Zwiegesprächen zurückgezogen.
Auf ein erneutes Begehr des Herzogs, ihm eine Probe seiner Zauberkunst zu geben, ergreift Faust den magischen Stab und berührt damit die eben dahinwirbelnden Tänzerinnen. Diese verwandeln sich im Nu wieder in Ungetüme, wie wir sie im ersten Akte gesehen, und aus dem graziösesten Ringelreihen in die täppischste und barockste Ronde überplumpsend, versinken sie zuletzt unter sprühenden Flammen in den sich öffnenden Boden. – Rauschend enthusiastischer Beifall, und Faust und Mephistophela verbeugen sich dankbar vor den hohen Herrschaften und einem verehrungswürdigen Publiko.
Aber nach jedem Zauberstück steigert sich die tolle Lust; die vier Hauptpersonen stürzen rücksichtslos wieder auf den Tanzplatz, und in der Quadrille, die sich erneuet, gebärdet sich die Leidenschaft immer dreister: Faust kniet nieder vor der Herzogin, die in nicht minder kompromittierenden Pantomimen ihre Gegenliebe kundgibt: vor der schäkernd hingerissenen Mephistophela kniet, wie ein lüsterner Faun, der alte Herzog; – doch indem er sich zufällig umwendet und seine Gattin nebst Faust in den erwähnten Posituren erblickt, springt er wütend empor, zieht sein Schwert und will den frechen Schwarzkünstler erstechen. Dieser ergreift rasch seinen Zauberstab, berührt damit den Herzog und auf dem Haupte desselben schießt ein ungeheures Hirschgeweih empor, an dessen Enden ihn die Herzogin zurückhält. Allgemeine Bestürzung der Höflinge, die ihre Schwerter ergreifen und auf Faust und Mephistophela eindringen. Faust aber bewegt wieder seinen Stab, und im Hintergrunde der Szene erklingen plötzlich kriegerische Trompetenstöße, und man erblickt in Reih und Glied eine ganze Schar von Kopf bis zu Füßen geharnischter Ritter. Indem die Höflinge sich gegen diese zu ihrer Verteidigung umwenden, fliegen Faust und Mephistophela durch die Luft davon, auf zwei schwarzen Rossen, die aus dem Boden hervorgekommen. Im selben Augenblick zerrinnt, wie eine Phantasmagorie, auch die bewaffnete Ritterschar.
Buchausgabe
Heinrich Heine.
Der Doktor Faust.
Ein Tanzpoem, nebst kuriosen Berichten über Teufel, Hexen und Dichtkunst.
Erstdruck: Hoffmann und Campe, Hamburg 1847.
Durchgesehener Neusatz, diese Ausgabe folgt: Sämtliche Werke II, Artemis und Winkler, München 1969.
Neuausgabe, LIWI Verlag, Göttingen 2020.
Verfasst von Thomas Löding, LIWI Blog, zuletzt aktualisiert am 12. September 2026
Buch bestellen
(Anzeige / Affiliatelink)*
Weitere Werke des Autors
- Heinrich Heine – Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski
- Heinrich Heine – Buch der Lieder
- Heinrich Heine – Der Doktor Faust
- Heinrich Heine – Der Rabbi von Bacherach
- Heinrich Heine – Deutschland. Ein Wintermärchen
- Heinrich Heine – Die Götter im Exil
- Heinrich Heine – Die Harzreise
- Heinrich Heine – Florentinische Nächte
- Heinrich Heine – Französische Zustände. Mit dem Bericht über den Ausbruch der Cholera in Paris
Buch bestellen
(Anzeige / Affiliatelink)*


