Verlage LIWI Blog Autoren Buchmessen Buecher Rezensionen

LIWI BLOG

Rezensionen über neue Bücher & Literaturklassiker, News zu Autoren & Lesungen, Artikelserie „Was macht ein Verlag?

Grete de Francesco: Die Macht des Charlatans.

Rezension von Walter Benjamin

Erstausgabe von Die Macht des Charlatans (1937)

Erstausgabe von Die Macht des Charlatans (1937)

Mit welchen Mitteln Personen oder Gruppen Einfluß auf Massen ausüben können, das ist ein verhältnismäßig neuer Gegenstand des Nachdenkens. Vom Altertum bis zum Beginn des vorigen Jahrhunderts war die Redekunst unter diesen Mitteln das einzige eines näheren Studiums gewürdigte. Im Laufe des genannten Jahrhunderts wurde es durch die Photographie, die Rotationspresse, den Film und den Rundfunk möglich, Aufforderungen, Informationen und Meinungen nebst Bildern zu ihrer Bekräftigung immer schneller unter eine immer größere Zahl von Leuten zu bringen. Das kam unter anderem der Reklame zugute. Je mehr sie sich verbreitete, desto sinnfälliger wurde, daß die Redekunst ihr Monopol im früheren Umfang verloren hatte. Wer im Werbefilm für einen Industrieartikel einzutreten hat, kann vom Marktschreier mehr lernen als von Cicero.

Im Zuge dieser technischen und wirtschaftlichen Entwicklung ist die Frage: Wie beeinflußt man Massen? akut geworden. Die Politik sorgt dafür, daß sie es bleibt. Die Untersuchung, welche Grete de Francesco veröffentlicht, nimmt an dieser Aktualität teil. Sie hat es mit den Mitteln zu tun, dank deren der Scharlatan seine Macht ausübt. Ist das Monopol der Redekunst erst einmal eingeschränkt, so richtet sich der Blick gleich auf Formen der Massenbeeinflussung, die von je her neben ihr bestanden haben. Die Geschichte des Scharlatans schreiben heißt, die Vorgeschichte der Reklame darstellen. Die instruktiven, zu einem großen Teil bisher unbekannten bildlichen Dokumente, mit denen de Francesco ihr Buch illustriert hat, beweisen das. Der Scharlatan begegnet auf ihnen als ein Mittelding zwischen Zauberkünstler und Komödiant; die Bretterbank, auf der er sich produziert, ist halb Podium, halb Schaubühne. Herolde und Harlekins sind sein Stab; Fahnen und Baldachine begleiten ihn; Prozessionen führen ihn durch die Stadt.

Die Verfasserin macht den Leser mit den Gestalten bekannt, die in diesem Rahmen erschienen sind, welcher heute so bemerkenswerte Bereicherungen erfahren hat. Charakterstudien der Alchimisten Bragadino und Thurneißer stehen neben dem Porträt Mondors, des Quacksalbers, dessen Ruhm im Namen seines Spaßmachers Tabarin überdauert; an sie reiht sich die Darstellung Eisenbarths; die Kapitel über die Scharlatane des dix-huitième siècle, die Cagliostro und Saint-Germain bilden in dem Werke einen Höhepunkt. Die Entwicklung des Scharlatans bringt, gewissermaßen versuchsweise, Motive zur Geltung, die die kommende industrielle und politische Publizität mit gesteigertem Nachdruck entfaltet hat. Damit ist die Perspektive gekennzeichnet, in der der Figur des Scharlatans ihr historischer Umriß gesichert ist.

Nicht ganz ohne Gefahr für die Bildschärfe unternahm die Verfasserin es, ihn noch unmittelbarer an uns heranzurücken. Ein polemisches Interesse bestimmte sie. Sie gedachte, den irregeleiteten Massen unter den Heutigen ein Spiegelbild in der Masse derer zu präsentieren, welche in den vergangenen Jahrhunderten der Macht des Scharlatans unterlegen sind. So kam sie, aus aktuellen Motiven, dazu, den Scharlatan als Fälscher zu kennzeichnen. »Die Macht des Charlatans bestand … darin, daß er alle Unsicherheiten einer … Situation durch mannigfaltige Fälschungen so auszunützen … wußte, daß eine Wertwelt entstand, in der seine eigenen Unwerte zu Werten wurden.« (S. 97) Diesen Fälschern fällt die »große Mehrheit der Menschen« (S. 18) anheim – die Halbgebildeten, heißt es gelegentlich (S. 24); aber hat der Begriff vor Einführung des allgemeinen Schulzwanges einen rechten Sinn? Als Pendant dieser Masse tritt »die kleine Minderheit der Immunen« (S. 18) auf den Plan. »Die Immunen«, so heißt es, »waren immer in der Minderzahl und dennoch gelang es nur ihnen, die unheilvolle Macht des Charlatans zu erschüttern …, indem sie … das Faktum ihres Lebens und ihrer Handlungen als konkretes Wahrzeichen einer Wertwelt setzten, über der unangetastet die Wahrheit thront.« (S. 245)

Der Historiker kennt keine Apotheose und kennt daher auch nicht den im Vordergrund solcher Darstellungen zu Boden getretenen, unschädlich gemachten Bösewicht, als der hier der Scharlatan figuriert. Die Beeinflussung der Massen ist keine Schwarzkunst, gegen die an die weiße Magie der Eliten zu appellieren wäre. Sie ist eine geschichtliche Aufgabe, und vieles in dem aufschlußreichen und sachkundigen Buch de Francescos spricht dafür, daß der Scharlatan ihr zu seiner Zeit und auf seine Weise entsprochen hat. Gewiß nicht immer auf eine säuberliche. Aber die Versuche, profanes Wissen an die Massen heranzubringen, sind noch niemals desinteressiert gewesen. Dennoch stellten sie einen Fortschritt dar. Oft hat ihm der Scharlatan selbst noch da gedient, wo er am rücksichtslosesten seinem Vorteil nachging. Ein Cagliostro und Saint-Germain rächten den dritten Stand an der Herrenkaste. Sie waren authentische Zeitgenossen von Beaumarchais.

Basel: Benno Schwabe und Co. (1937). 238 S., 69 Abb.

Walter BenjaminGrete de Francesco, Die Macht des Charlatans. (Rezension). In: Gesammelte Schriften III, Kritiken und Rezensionen 1932–1940. [1938]. Suhrkamp Taschenbuch Verlag 1991.


Die Neuausgabe 2021 ist in der Reihe „Die Andere Bibliothek“ erschienen.  Aus der Verlagsankündigung:

„Wir lesen die kulturhistorische Analyse einer Gestalt, die in wechselnden Rollen die europäische Geschichte seit dem Altertum heimsucht – geschrieben 1937 von der jüdisch-österreichischen Gelehrten Grete de Francesco. In den verschiedenen Charakterzügen des Scharlatans sind schon seine modernen Nachfolger zu erkennen: Hier die Gier der Homöopathie – „Charlatan ist derjenige, der sich rühmt, zu wissen, was er nicht weiß, und Fähigkeiten zu haben, die er nicht hat“ – , dort der Populist, der mit den Tugenden der Erfolgreichen bricht: „Die Macht des Charlatans bestand darin, daß er alle Unsicherheiten einer religiösen, geistigen, historischen oder ökonomischen Situation durch mannigfaltige Fälschungen so auszunützen und zu lenken wußte, daß eine Wertwelt enstand, in der seine eigenen Unwerte zu Werten wurden.“

De Francesco reist durch Wort und Bild durch die Jahrhunderte und entdeckt uns einen markanten Akteur unserer Kultur: In den Taschenspielertricks der Wunderheiler und den Maskenspielen der Verwandlungskünstler auf den Jahrmärkten des 18. Jahrhunderts lassen sich schon die Mechanismen entdecken, die zu späterer Zeit in verheerender Weise die Massen zu beeinflussen und zu beherrschen vermögen. Die Beispiele, die sie in Literatur und Bildkunst für die habsüchtigen und opportunistischen Wahrheitsbeuger findet, fügen sich in eine Erzählung von der Verführbarkeit des Menschen.

Von den Alchimisten und Goldmachern zu den Salbenkrämern und Schwarzkünstlern geht de Francesco durch die Bilderwelten von Renaissance und Barock und präsentiert uns die Meister der Fälschung und auch – ihr Publikum. Denn ihr Buch ist ebenso kultur- und kunstgeschichtliche Studie wie soziologische Untersuchung: Der Tinkturenmischer braucht sein Publikum, es braucht ihn. Die Scharlatanerie ist ein Spiel mit den Hoffnungen des Publikums und der Massen. „Die Hauptkonsumentin der gefälschten Stoffe, die Masse, will sich billig jene Güter zu eigen machen, deren Besitz wegen Teuerkeit die Wenigen, eben die Besitzenden charakterisiert; sie will vermittels der Fälschung etwas scheinen, was sie nicht ist und taucht diesen Wunsch vor sich selber und vor anderen in Geheimnis.“

Von den Geheimtränken ist es nur ein Schritt zum Betrug mit wissenschaftlichen Methoden, wie de Francesco mit Verweis auf die Erkenntnisse der Humanisten zeigt. Im 18. Jahrhundert wusste man schon vom Blendwerk auch im Politischen: „Dort Elixiere, hier Meinungen – am Ende läuft es auf eins heraus.“

„Grete de Francesco, geboren als Margarethe Weissenstein 5. November 1893 in Wien, Österreich-Ungarn; gestorben Februar/März 1945 vermutlich im Konzentrationslager Ravensbrück, war eine deutschsprachige Schriftstellerin. Ihr Buch Die Macht des Charlatans aus dem Jahr 1937 gilt international als wissenschaftliches Standard- und Referenzwerk zum Thema „Scharlatanerie“. Eine englische Übersetzung erfolgte 1939. Sie lebte abwechselnd in Wien, Berlin und Salzburg, während des Exils in Paris und zuletzt in Mailand, das seit September 1943 unter deutscher Besatzung stand. Sie wurde bespitzelt und suchte 1943 Zuflucht in oberitalienischen Bergdörfern, auch verbarg sie sich mehrere Monate in einem Irrenhaus für Frauen. Sie kehrte dann aber doch wieder in ihre Mailänder Wohnung zurück, wo sie am 24. Oktober 1944 von der SS verhaftet wurde. Über das Durchgangslager in Gries bei Bozen wurde sie schließlich am 14. Dezember 1944 in das KZ Ravensbrück deportiert, wo Margarethe (Margherita) de Francesco vermutlich im Februar 1945 umgebracht wurde.“

Grete De Francesco: Die Macht des Charlatans


Weitere Rezensionen (zur Neuausgabe 2021):

„Nach Art einer phänomenologisch arbeitenden Soziologin formt [Grete De Francesco] deren Charakterzüge und Verhaltensweisen zu einem überzeitlichen Typus: zum Scharlatan als Inbegriff des Fälschers, welcher der Wahrheit, dem Wissen und den Worten den Echtheitsgehalt raubt und so die Leichtgläubigen – seine Opfer – verführt. Zu politischen Bewegungen und ihren Anführern schweigt die Autorin konsequent. Doch besteht kein Zweifel daran, dass das, was für sie der normative Kern von Scharlatanerie ist, für Scharlatane aller Fakultäten gilt, auch die politischen.“
Peter Rawert, FAZ, 23.01.2021

„Wie beeinflusst man Menschenmassen? Welche Kniffe der Redekunst gilt es anzuwenden? Waren Scharlatane Populisten oder nutzten Populisten die Tricks der Scharlatane? Grete De Francescos umfassende kulturgeschichtliche Untersuchung beleuchtet Fragen wie diese auf profunde Art.“ Ivo Kaufmann, ORF Ö1, 22.01.2021

„Die Macht des Charlatans« ist ein kundiges kulturwissenschaftliches Buch mit doppeltem Boden. Denn die Autorin, Grete de Francesco, schrieb zwar über die Taschenspieler und Wunderheiler vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert, über ihre Tricks und Techniken – dies aber mit dem Ziel, die Gaukler der Gegenwart zu entlarven.“ Britta Heidemann, WAZ, 18.01.2021


Walter Benjamin, Rezension zu Charlatan

Bücher von Walter Benjamin im LIWI Verlag