Die Welt von Gestern - Stefan Zweig

Jugend ohne Gott

„Wenn kein Charakter mehr geduldet wird, sondern nur der Gehorsam, geht die Wahrheit, und die Lüge kommt. Die Lüge, die Mutter aller Sünden.“ (Ödön von Horváth, Zitat aus „Jugend ohne Gott“)

Ein Lehrer gerät in Bedrängnis, weil er im Unterricht geäußert hat, daß Schwarze auch Menschen seien. Dieses „Gift der Humanitätsduselei“ mißfällt dem Vater eines Schülers so sehr, daß er sich beim Direktor beschwert. Die gesamte Klasse unterschreibt daraufhin einen Brief, in dem sie die Absetzung ihres Lehrers fordert.

Autor Ödön von Horváth erlebte die Machtübernahme der Nationalsozialisten mit, bevor er sich entschloß, ins Exil zu gehen. Seine Erzählung „Jugend ohne Gott“ erschien 1937 und wurde auf Antrag der Gestapo 1938 verboten. Hermann Hesse schrieb 1938 über die Erzählung: „Sie ist großartig und schneidet quer durch den moralischen Weltzustand von heute.“

„Jugend ohne Gott“ – Zusammenfassung / Inhaltsangabe

Die Ausgangssituation: Rassismus und Lehrerethik

In Ödön von Horváths Roman „Jugend ohne Gott“ steht ein Lehrer im Zentrum, der an einem Gymnasium unterrichtet und sich mit den rassistischen Einstellungen seiner Schüler auseinandersetzen muss. Die abwertenden Äußerungen eines Schülers gegenüber Schwarzen, die dieser in einem Aufsatz formuliert, führen zu einem Konflikt zwischen dem Lehrer und dem Schüler. Der Lehrer stellt den Schüler zur Rede, was dazu führt, dass der Vater des Schülers sich beschwert und die Schüler eine Erklärung unterschreiben, dass sie nicht mehr von ihm unterrichtet werden wollen. Der Direktor unterstützt jedoch den Lehrer, der in der Schule verbleibt.

Konflikt im Zeltlager

Der Lehrer nimmt später an einem Zeltlager teil, das auf militärische Übungen ausgerichtet ist. Hier beobachtet er weiter das Verhalten seiner Schüler, insbesondere das des Schülers Z, der sich heimlich mit einem Mädchen trifft. Der Lehrer liest unerlaubt in Zs Tagebuch und entdeckt dessen Verhältnis zu Eva, einem Mädchen aus einer lokalen Räuberbande. Dies führt zu weiteren Spannungen, als der Schüler N erschlagen aufgefunden wird, und Z gesteht die Tat, obwohl der Lehrer den Schüler T verdächtigt.

Der Weg zur Wahrheit

Trotz seiner anfänglichen Passivität entscheidet sich der Lehrer, sich seiner Verantwortung zu stellen. Er spricht mit einem Pfarrer über seine Gewissensbisse und gesteht schließlich seine Tat, das Aufbrechen der Kassette, was zur Freilassung von Z führt. Nachdem Eva als Geliebte des vermeintlichen Täters vernommen wird und ihre Beobachtung eines „Jungen mit Fischaugen“ teilt, der N getötet hätte, kommt es zu weiteren Enthüllungen. T wird später erhängt aufgefunden, und in einem Abschiedsbrief gesteht er den Mord an N.

Abschluss und Neuanfang

Der Lehrer verliert durch sein Geständnis seine Stellung und Pension, erhält jedoch ein Angebot, in Afrika zu arbeiten. Er verabschiedet sich von seinen Schülern und der Figur Julius Cäsar, einem ehemaligen Kollegen, der im Roman eine kritische Rolle spielt. Der Roman schließt mit dem Lehrer, der bereit ist, ein neues Leben zu beginnen, nachdem er die Bedeutung von Wahrheit und Gerechtigkeit in einer Zeit der moralischen Krisen erkannt hat.

In „Jugend ohne Gott“ thematisiert Horváth eindrücklich die Menschlichkeit und moralische Verantwortung in einem von Rassismus und Autoritarismus geprägten Umfeld, was die Aktualität des Romans bis heute unterstreicht.

Charakterisierung der Personen

In „Jugend ohne Gott“ stellt Ödön von Horváth eine Reihe tiefgründiger Charaktere vor, die den moralischen Verfall und die Konflikte in einer von totalitären Ideologien beeinflussten Gesellschaft widerspiegeln.

  • Der Lehrer: Als Hauptfigur und Ich-Erzähler des Romans ist der Lehrer zunächst ein zögerlicher Held, der durch die Auseinandersetzung mit den nationalistischen und rassistischen Einstellungen seiner Schüler sowie den daraus resultierenden Konflikten eine tiefgreifende Entwicklung durchmacht. Er verkörpert den inneren Kampf zwischen beruflicher Pflichterfüllung und persönlicher Moral.
  • Schüler Z: Er ist ein komplexer Charakter, der zunächst als typischer Vertreter der Hitlerjugend erscheint, aber eine tiefere persönliche Krise durchlebt, die durch seine geheime Beziehung zu Eva und seine Beteiligung am Mord offenbart wird.
  • Schüler N: Er symbolisiert die Brutalität und die unmenschlichen Aspekte des heranwachsenden faschistischen Ideals. Sein Tod ist ein zentraler Wendepunkt im Roman, der sowohl die Schuldfrage als auch die moralische Verantwortung der Charaktere aufwirft.
  • Eva: Als Figur steht sie außerhalb der schulischen und gesellschaftlichen Ordnung. Ihre Verbindung mit Z und ihre Rolle im Konflikt um den Mord bringen eine zusätzliche Dimension von Außenseitertum und Rebellion in die Erzählung ein.
  • Der Pfarrer: Er bietet einen moralischen Kontrast zum Lehrer und den Schülern. Seine Gespräche mit dem Lehrer beleuchten die moralischen und ethischen Dilemmata der Figuren und spiegeln die komplexe Beziehung zwischen Kirche und Staat in der damaligen Zeit wider.

„Jugend ohne Gott“ – Analyse von Aufbau und Sprache

Aufbau

Der Roman ist strukturiert in einer chronologischen Erzählung, die durch die Tagebucheinträge des Lehrers eine persönliche und introspektive Tiefe erhält. Diese Struktur ermöglicht es Horváth, die innere Entwicklung des Lehrers parallel zu den äußeren Ereignissen zu entfalten. Die Wendepunkte der Handlung, wie der Tod von Schüler N und die anschließende Aufdeckung der wahren Umstände, treiben die Handlung voran und führen zu einem kathartischen Ende.

Sprache

Horváth verwendet eine prägnante und scharfe Sprache, die die Brutalität und Entmenschlichung der Gesellschaft unter dem Nationalsozialismus widerspiegelt. Die Dialoge sind oft durchsetzt mit Ideologie und Propaganda, was die Charaktere nicht nur als Individuen, sondern auch als Produkte ihrer Zeit darstellt. Der symbolische Gebrauch von Motiven, wie das wiederkehrende Motiv der „Fischaugen“, dient dazu, die emotionale Kälte und Entfremdung innerhalb der Gesellschaft zu unterstreichen. Horváths Stil ist direkt und unverschönt, was die Dringlichkeit und die kritische Natur seiner Botschaft betont.

„Alles Denken ist ihnen verhaßt. Sie pfeifen auf den Menschen! Sie wollen Maschinen sein, Schrauben, Räder, Kolben, Riemen – doch noch lieber als Maschinen wären sie Munition: Bomben, Schrapnells, Granaten. Wie gerne würden sie krepieren auf irgendeinem Feld! Der Name auf einem Kriegerdenkmal ist der Traum ihrer Pubertät.“

Jugend ohne Gott 

Epoche

Ödön von Horváths Roman „Jugend ohne Gott“ ist tief in die Epoche des Expressionismus und die politische Unruhe der 1930er Jahre eingebettet. Geschrieben und veröffentlicht 1937, während des Nationalsozialismus in Deutschland, reflektiert das Werk die zunehmende Militarisierung und Ideologisierung der Gesellschaft. Die Themen Moralverfall, Entfremdung und die Dehumanisierung durch totalitäre Ideologien sind zentrale Aspekte des Romans und der damaligen gesellschaftlichen Realität. Horváth schreibt mit einem klaren kritischen Blick auf den aufkommenden Faschismus, der den moralischen Zerfall der jüngeren Generation deutlich macht. Der Roman reiht sich in die literarische Tradition der kritischen Aufarbeitung von gesellschaftlichen Umbrüchen ein, wie sie etwa bei Bertolt Brecht oder Erich Kästner zu finden ist.

„Jugend ohne Gott“ – Interpretation

In „Jugend ohne Gott“ entfaltet Horváth eine umfassende Kritik an einer Gesellschaft, die ihre moralischen Werte verloren hat. Die Schüler im Roman sind Produkte eines Systems, das Individualität und Empathie zugunsten von Gleichförmigkeit und nationalistischer Propaganda erstickt. Der Lehrer, der als Erzähler und moralischer Bezugspunkt dient, wird zum Zeugen dieser ideologischen Vergiftung, durchläuft jedoch eine innere Wandlung und findet zu einem persönlichen moralischen Standpunkt zurück.

Die Gottesmetaphorik im Titel verweist auf die Abwesenheit von moralischer Orientierung und den Verlust von Glauben an traditionelle Werte. In einer Welt „ohne Gott“ herrschen Zynismus und Skrupellosigkeit, die sich im Verhalten der Schüler und der Gesellschaft widerspiegeln. Der Mord an Schüler N und der Versuch der Vertuschung symbolisieren die moralische Verkommenheit der Jugend.

Der Roman kann auch als Appell an die individuelle Verantwortung verstanden werden. Der Lehrer nimmt seine Rolle als moralisches Gewissen an und wendet sich gegen die Unterdrückung und Propaganda seiner Zeit. Diese Entwicklung repräsentiert Horváths Botschaft, dass persönliche Integrität und Widerstand selbst in einer korrupten und feindseligen Umgebung möglich sind.

Über den Autor Ödön von Horváth

oedoen-von-horvath-autorenbildÖdön von Horváth (1901–1938) war ein bedeutender Schriftsteller und Dramatiker, dessen Werke sich intensiv mit den sozialen und politischen Verwerfungen seiner Zeit auseinandersetzten. Geboren in Fiume (heute Rijeka, Kroatien), einem damals zum Königreich Ungarn gehörenden Ort, lebte und arbeitete Horváth hauptsächlich in Deutschland und Österreich. Sein Leben und Schaffen wurden von den Umbrüchen und der politischen Unruhe der Zwischenkriegszeit Europas geprägt.

Horváths Werke zeichnen sich durch eine tiefe sozialkritische Perspektive aus, die oft mit einem scharfen, ironischen Blick auf die kleinbürgerliche Gesellschaft und ihre Konformität einhergeht. Sein literarischer Stil ist bekannt für seine klare, schnörkellose Sprache und seine Fähigkeit, tiefgreifende menschliche und gesellschaftliche Konflikte darzustellen. Er gehört zur literarischen Tradition des Volksstücks, das soziale Realitäten mit kritischer Schärfe beleuchtet.

Horváth erlebte den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland, was seine Werke stark beeinflusste. „Jugend ohne Gott“ wurde als direkte Antwort auf die zunehmende Indoktrination und Militarisierung der Jugend im Dritten Reich verfasst. Der Roman, der unmittelbar vor Horváths tragischem Tod durch einen Unfall in Paris veröffentlicht wurde, ist ein Zeugnis seines tiefen Unbehagens gegenüber autoritären Regimen und seiner Überzeugung von der Notwendigkeit moralischer Integrität.

Sein literarisches Erbe umfasst neben „Jugend ohne Gott“ auch andere bekannte Werke wie „Geschichten aus dem Wiener Wald“ und „Kasimir und Karoline“, die ebenfalls kritische Einblicke in die Gesellschaft der 1930er Jahre bieten. Horváths Werk bleibt bis heute relevant und wird für seine klare Moral und tiefen psychologischen Einsichten geschätzt.

FAQ

Worum geht es in „Jugend ohne Gott“?

„Jugend ohne Gott“ handelt von einem Lehrer, der sich in einer zunehmend faschistischen Gesellschaft mit der moralischen Verrohung seiner Schüler auseinandersetzt. Er wird in eine Reihe von Konflikten verwickelt, die seine persönlichen und beruflichen Überzeugungen auf die Probe stellen.

Wann begann Ödön von Horváth mit der Arbeit an „Jugend ohne Gott“?

Ödön von Horváth begann die Arbeit an den Motiven für „Jugend ohne Gott“ vermutlich im Jahr 1934. Der Roman entwickelte sich aus früheren Projekten und Entwürfen, in denen ähnliche Themen und Charakterkonstellationen erkundet wurden.

Was will Horváth mit dem Roman darstellen?

Ödön von Horváth verwendet den Roman „Jugend ohne Gott“, um die Mechanismen der Anpassung und Repression in der NS-Zeit zu beleuchten. Er stellt die Konflikte und inneren Kämpfe eines Intellektuellen dar, der versucht, seine moralischen Prinzipien in einer korrupten Gesellschaft zu bewahren.

Welche Bedeutung haben die Gespräche mit dem Pfarrer im Roman?

Die Gespräche mit dem Pfarrer in „Jugend ohne Gott“ sind zentral für die Darstellung der moralischen und ethischen Dilemmata des Lehrers. Sie bieten einen tiefen Einblick in seine innere Zerrissenheit und die Suche nach einem festen Standpunkt in einer ideologisch manipulierten Gesellschaft.

Wie wurde das Werk nach seiner Veröffentlichung aufgenommen?

Nach seiner Veröffentlichung im Jahr 1937 wurde „Jugend ohne Gott“ von der Gestapo als schädlich eingestuft und verboten, jedoch von Schriftstellerkollegen und Kritikern hoch gelobt. Das Buch bleibt bis heute ein wichtiger Bestandteil der deutschsprachigen Literaturcurricula und wird für seine kritische Auseinandersetzung mit moralischen und gesellschaftlichen Fragen geschätzt.

Welche wichtigen Verfilmungen gibt es von „Jugend ohne Gott“?

„Jugend ohne Gott“ wurde mehrfach verfilmt, darunter bemerkenswerte Adaptionen wie „Nur der Freiheit gehört unser Leben“ (1969) und eine moderne Umsetzung aus dem Jahr 2017 von Regisseur Alain Gsponer. Diese Verfilmungen untersuchen die zeitlosen Themen des Romans in verschiedenen historischen und kulturellen Kontexten.

Wie unterscheidet sich „Jugend ohne Gott“ von „Der ewige Spießer“?

„Jugend ohne Gott“ und „Der ewige Spießer“ sind beides Werke von Ödön von Horváth, die sich kritisch mit der Gesellschaft ihrer Zeit auseinandersetzen, jedoch auf unterschiedliche Weise. „Jugend ohne Gott“ fokussiert sich auf die moralischen und ethischen Konflikte eines Lehrers in einer totalitären Gesellschaft, die durch den Nationalsozialismus geprägt ist. Der Roman beleuchtet die Auswirkungen der ideologischen Indoktrination auf junge Menschen und die moralischen Kämpfe des Protagonisten, die durch ein Verbrechen innerhalb seiner Klasse verschärft werden.

Im Gegensatz dazu ist „Der ewige Spießer“ eine satirische Darstellung des kleinbürgerlichen Lebens, die sich vor allem auf die Figur des Spießers konzentriert, der durch seine Angepasstheit und Oberflächlichkeit gekennzeichnet ist. Dieses Werk bietet eine schärfere und humorvollere Kritik an der Mittelschicht und deren Konformität, ohne sich dabei direkt mit dem politischen Kontext des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Horváth nutzt die Figur des Spießers, um die alltägliche Banalität und die moralische Leere des Durchschnittsbürgers zu kritisieren.

Buch

ödön von horvath jugend ohne gottErstdruck im Exil: Verlag Allert de Lange, Amsterdam 1937.

Vollständige Neuausgabe, 1. Auflage, Göttingen 2018.

LIWI Literatur- und Wissenschaftsverlag

ISBN: 3965420569
EAN: 9783965420564
Paperback 104 Seiten

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Verfasst von Thomas Löding, LIWI Blog, zuletzt aktualisiert am 03. Mai 2024