Ernst Wiechert - Das einfache Leben

Das einfache Leben

»Das Letzte (..) was man im Leben gewinnen kann, ist, nichts haben zu wollen.« Und nach einer Weile setzte er hinzu: »Auch in der Liebe…«
Sie saß ganz regungslos, und Thomas glaubte zu sehen, wie das Wort in sie hineinfiel, tiefer und tiefer, wie in einen Brunnen, auf dessen Grund die Dämmerung ist, und ein goldener Schein des Tages hoch oben.
(Zitat S. 44 in diesem Buch)

Zurückgekehrt aus dem Ersten Weltkrieg findet sich Korvettenkapitän Thomas im normalen Leben nicht mehr zurecht. Er verlässt seine lebenslustige Frau Gloria und seinen Sohn, um fortan im Einklang mit der Natur zu leben.

Es ist das „einfache Leben“ eines Fischers an den masurischen Seen, welches allen Entsagungen zum Trotz, auch in der Liebe, den höchsten Gewinn für ihn darstellt.

Ernst Wiechert – Biographie & wichtige Werke

Ernst Wiechert um 1949
Copyright: Internationale Ernst – Wiechert – Gesellschaft e.V., ErnstWiechert, CC BY-SA 3.0 DE

Ernst Wiechert wurde am 18. Mai 1887 in Kleinort, Ostpreußen, geboren und starb am 24. August 1950 in Stäfa, Schweiz. Er war ein deutscher Schriftsteller und bedeutender Vertreter der Inneren Emigration während der Zeit des Nationalsozialismus. Wiecherts Werke zeichnen sich durch eine tiefgründige Auseinandersetzung mit der Natur, der menschlichen Seele und moralischen Fragen aus.

Frühes Leben und Bildung

Ernst Wiechert wuchs in einer Försterfamilie auf, was seine tiefe Verbundenheit mit der Natur prägte. Er besuchte das Gymnasium in Königsberg und studierte anschließend Germanistik und Philosophie an der Universität Königsberg. Seine frühen Erlebnisse und die ostpreußische Landschaft beeinflussten nachhaltig seine literarische Arbeit.

Literarische Karriere

Seine Karriere als Schriftsteller begann Wiechert mit lyrischen und erzählerischen Werken. Sein erster Gedichtband erschien 1911. Im Ersten Weltkrieg diente er als Offizier und wurde mehrfach verwundet. Die Kriegserfahrungen und ihre Auswirkungen auf die menschliche Psyche wurden zu zentralen Themen in seinen späteren Werken.

Nach dem Krieg arbeitete Wiechert als Lehrer und widmete sich intensiv dem Schreiben. Seine Romane und Erzählungen fanden schnell ein breites Publikum und machten ihn zu einem der bekanntesten Autoren seiner Zeit.

Zeit des Nationalsozialismus und Innere Emigration

Während der Zeit des Nationalsozialismus zog sich Wiechert innerlich zurück und schrieb Werke, die sich kritisch mit der politischen Situation auseinandersetzten, ohne offen oppositionell zu sein. Er wurde 1938 von der Gestapo verhaftet und ins KZ Buchenwald gebracht, weil er gegen das NS-Regime gesprochen hatte. Nach seiner Freilassung im selben Jahr zog er sich noch weiter zurück und lebte bis zum Ende des Krieges in Bayern.

Späteres Leben und Tod

Nach dem Zweiten Weltkrieg zog Ernst Wiechert in die Schweiz, wo er bis zu seinem Tod 1950 lebte. Seine späten Werke widmen sich weiterhin den Themen Natur, Menschlichkeit und moralische Fragen. Wiechert wurde für seine literarischen Beiträge mehrfach ausgezeichnet und bleibt eine bedeutende Figur der deutschen Literaturgeschichte.

Bericht des Nachrichtenmagazins Der Spiegel über seinen 60. Geburtstag 1947

„Man feierte den Dichter, dessen Weg in dem masurischen Forsthaus Kleinort, in der Einsamkeit ostpreußischer Wälder begann, als einen der ‚wesentlichsten Rufer gegen die drohende Entseelung des Menschengeschlechts‘. Man feierte ihn als ‚starken und tiefen dichterischen Geist‘, einen ‚Epiker von eminentem Naturgefühl‘ und ‚erlebnishafter dichterischer Darstellung‘, als einen ‚Gottsucher von Ernst und Leidenschaft‘. […] Und erinnerte daran, ein wie großer Trost für viele der Dichter war, der, unter Gestapobewachung stehend, seine Manuskripte im Garten vergraben mußte. […] Auch jenes Interview wurde erwähnt, in dem er 1947 schwedischen Journalisten gesagt hatte, er habe den Glauben an die Zukunft des deutschen Volkes verloren. […] In Erinnerungen und Würdigungen, Gedichten und Grüßen bekennen sich hier Dichter und Gelehrte, bekannte und unbekannte Menschen, Jugend und Alter zu Ernst Wiechert. Ricarda Huch, Johannes R. Becher, Hermann Hesse, Otto Flake, Max Picard, Werner Bergengruen, Eduard Spranger, Reinhold Schneider, Hans Carossa und Kasimir Edschmid sind unter ihnen. […] Sie grüßen in ihm den Menschen und Dichter, sie sind ihm dankbar für das, was sie von ihm empfingen und empfangen.“

Zitat aus: Der Spiegel v. 24. Mai 1947

Wichtige Werke von Ernst Wiechert

Das einfache Leben (1939)

Dieser Roman erzählt die Geschichte eines Mannes, der nach persönlichen und beruflichen Enttäuschungen ein einfaches und naturnahes Leben auf dem Land sucht. Das einfache Leben ist ein Plädoyer für die Rückkehr zu natürlichen und einfachen Lebensweisen als Antwort auf die Komplexität und Hektik der modernen Welt.

Der Totenwald (1939)

In Der Totenwald verarbeitet Wiechert seine Erlebnisse im KZ Buchenwald. Das Buch ist ein bewegendes Zeugnis des Leidens und der Grausamkeit des NS-Regimes, aber auch ein Appell für Menschlichkeit und Widerstand. Der Titel steht symbolisch für die Schrecken des Krieges und die Dunkelheit, die über Deutschland lag.

Die Jeromin-Kinder (1945)

Dieser Roman erzählt die Geschichte einer Familie in Ostpreußen und ihre Erlebnisse während der beiden Weltkriege. Die Jeromin-Kinder beleuchtet das Schicksal der Menschen in dieser Zeit und den Verlust ihrer Heimat. Es ist ein umfassendes Werk, das die Zerrissenheit und den Schmerz einer ganzen Generation darstellt.

Missa sine nomine (1950)

Missa sine nomine ist ein tiefgründiger Roman, der das Schicksal von Menschen in einer kleinen Stadt während und nach dem Zweiten Weltkrieg schildert. Der Titel, der übersetzt „Messe ohne Namen“ bedeutet, verweist auf das universelle Leid und die namenlosen Opfer des Krieges. Wiechert verwendet religiöse Motive, um die Suche nach Erlösung und Vergebung darzustellen.

Wälder und Menschen (1936)

In Wälder und Menschen beschreibt Wiechert seine innige Beziehung zur Natur und insbesondere zu den Wäldern seiner Heimat. Das Werk ist eine Sammlung von Essays und Reflexionen, die die Schönheit und den Frieden der Natur feiern und ihre Bedeutung für das menschliche Leben und die Seele betonen.

Fragen und Antworten zu „Das einfache Leben“:

Was ist das Hauptthema von „Das einfache Leben“?

Das Hauptthema des Romans ist die Suche nach einem sinnvollen, einfachen Leben, das sich von den Komplexitäten und dem Materialismus der modernen Gesellschaft entfernt. Der Protagonist, der sich in die Einsamkeit der Natur zurückzieht, sucht nach innerem Frieden und einer tieferen Verbindung zur Welt um ihn herum.

Wer ist der Protagonist des Romans?

Der Protagonist ist ein namenloser Mann, oft als „der Einsiedler“ bezeichnet, der beschließt, der hektischen und oberflächlichen Gesellschaft den Rücken zu kehren und in die Einsamkeit der Natur zu gehen. Dort sucht er nach einem authentischen, einfachen Leben.

In welchem Zeitraum und an welchem Ort spielt „Das einfache Leben“?

Der Roman spielt in den frühen 20. Jahrhunderten in einer unbestimmten ländlichen Gegend. Die genaue Zeit und der Ort bleiben im Roman vage, um die Zeitlosigkeit und Universalität der Themen hervorzuheben.

Welche anderen wichtigen Themen werden im Buch behandelt?

Neben der Suche nach Einfachheit und Authentizität behandelt der Roman Themen wie die Beziehung des Menschen zur Natur, die Bedeutung von Gemeinschaft, die Konfrontation mit dem Tod und die spirituelle Erneuerung.

Warum entscheidet sich der Protagonist für ein einfaches Leben?

Der Protagonist sieht sich entfremdet von den Werten und dem Lebensstil der Gesellschaft, in der er lebt. Durch den Rückzug in die Natur und das einfache Leben sucht er nach einer tieferen Bedeutung und Verbindung zum Wesentlichen des Lebens.

Wie wurde „Das einfache Leben“ von Kritikern und Lesern aufgenommen?

„Das einfache Leben“ wurde weitgehend positiv aufgenommen und gilt als ein wichtiges Werk in Ernst Wiecherts literarischem Schaffen. Es wird für seine poetische Sprache, seine tiefgründigen philosophischen Überlegungen und seine eindrucksvollen Naturschilderungen gelobt.

Welche Rolle spielt die Natur im Roman?

Die Natur ist nicht nur Schauplatz des Romans, sondern auch ein zentrales Symbol für Reinheit, Heilung und Wahrheit. Der Protagonist findet in der Natur Trost, Inspiration und Einsichten, die ihm auf seinem Weg zur Selbstfindung helfen.

Was kann man aus „Das einfache Leben“ lernen?

Das Buch lädt dazu ein, über die eigenen Lebensprioritäten nachzudenken, die Schönheit und Heilungskraft der Natur zu schätzen und die Bedeutung eines authentischen, von inneren Werten geleiteten Lebens zu erkunden.

Leseprobe:

Indes er fast geräuschlos dahinglitt, von einem sanften seitlichen Winde je nach der Biegung der Straße gehindert oder getrieben, versuchte er zu ergründen, weshalb sein Atem leicht zu gehen schien in dieser Landschaft, obwohl sie doch im ersten Anschauen streng, weit und nicht ohne Düsterkeit sich ihm darbot. Er bemerkte, daß die Luft rauher ging, daß Wachstum und Feldbestellung gegen seine Heimat weit zurückgeblieben waren, daß Häuser und Dörfer ärmlicher, fast liebloser in den umgebenden Raum gebettet waren. Doch schienen wiederum Straßen und Pfade menschenleerer, alles Gerät einfacher und verbrauchter, ja auch alle Ansprüche bescheidener, als ob die Erde noch unbedingter hier herrsche, den Forderungen des Menschen noch widerwilliger verschlossen als in anderen Bezirken des Reiches, und als ob der Mensch hier mehr auf eigener Kraft und im eignen Inneren beruhen müsse, ohne die gedankenlose Unterstützung der Masse, die ihm woanders, zumal in den Städten, so leicht und so verhängnisvoll zufalle.

Doch schien ihm vor allem der Himmel über alle Maßen groß und gewaltig. Geschwader von Wolken zogen ruhevoll an seiner Wölbung entlang, aber selbst sie mühelos geordnet in dem unermeßlichen Raum, und ihre schweren Schatten stießen sich nirgends auf den noch bräunlichen Feldern. Auf den Hügeln der Äcker standen einzelne Bäume, das Astwerk ohne Hindernis ausgebreitet oder von immer wehenden Winden nach einer Seite gebeugt, und da sie fast alle ohne Hintergrund vor dem leeren Himmelsraum standen, so trugen die Felder in aller Kargheit ein Gesicht des Stolzes, als lägen sie noch da wie zu Beginn der Schöpfung und niemals sei anderes als Wind oder Regen oder eine kühle Sonne über sie hingegangen.

Ernst Wiechert - Das einfache LebenErnst Wiechert.
Das einfache Leben.
Roman.
Erstdruck: Verlag Albert Langen und Georg Müller, München 1939.
Durchgesehener Neusatz, der Text dieser Ausgabe folgt dem Erstdruck.

Vollständige Neuausgabe, LIWI Verlag, Göttingen 2022.
LIWI Literatur- und Wissenschaftsverlag

EAN: 9783965425453
ISBN: 3965425455
Paperback.
2022 – 244 Seiten

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Verfasst von Thomas Löding, LIWI Blog, zuletzt aktualisiert am 18. Mai 2024